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TRAUER UM GÖTZ GEORGE

Götz George war bereit 42 Jahre alt, als er das erste Mal in seiner größten Rolle als Horst Schimanski auftrat. Er frühstückte zwei rohe Eier, und schon in der nächsten Szene rief er „Hör auf mit der Scheiße!“, als jemand einen Fernseher aus dem Fenster warf. Eine neue Ära hatte begonnen.

Götz George 2013 in „Loverboy“Götz George ist untrennbar mit Horst Schimanski verbunden. Er hat die Figur, die im Umfeld der Münchener Filmhochschule erdacht wurde, gespielt, geprägt und entwickelt. George kam nach Duisburg und schaffte es, dem Ruhrgebiet ein neues Selbstbewusstsein zu geben. Wahrscheinlich musste es ein Schauspieler machen, der von außen kam. Dieses Verzagte und sich selbst Verleugnende – das kam in Schimanskis Duisburg nicht vor. Götz George war der Garant dafür.

„Ich habe eine ganz neue Sprache entwickelt für diese Figur“, sagte George in einem Interview. In den Drehbüchern habe er seine gesamten Texte umgeschrieben, jeden Satz mehrfach geändert, bis er die richtige Sprachform gefunden hatte. „Dadurch bekam der Schimanski sein Eigenleben“, so der Schauspieler. Regisseure, die der Schimanski-Figur ihren eigenen Stempel aufdrücken wollten, mochte Götz George nicht. Er gestand den Autoren und Regisseuren zu, die Figur geboren zu haben. „In der Darstellung, in der Attitüde, in den spezifischen Eigenheiten“ sei Schimanski aber sein Werk, er habe ihn entdeckt.

Offen und direkt, so war die Sprache des Duisburger Kommissars, so wie das im Ruhrgebiet üblich ist. Trotzdem sprach Schimanski keinen rückwärtsgewandten Ruhrpott-Akzent. Er war mit den Traditionen der Region, den grundehrlichen Menschen, der Arbeiterklasse verbunden – und gleichzeitig stand er für das Neue. Er war umstritten, auch und gerade in Duisburg. Es war die jüngere Generation, die von dem neuen Ruhrgebietsbild begeistert war, von dem Spiel des Götz George und den Kulissen, die die Stadt mit seiner ganzen Vielfalt und seinen Widersprüchen zeigten.

George räumte gemeinsam mit den Autoren, Regisseuren und Produzenten den deutschen Fernsehkrimi auf und stand dabei im Mittelpunkt. Nicht mehr der Kriminalfall, der vom Ermittler nüchtern und objektiv gelöst wurde, war der Kern einer Tatort-Folge, sondern der Kriminalhauptkommissar mit all seinen Verstrickungen. Die 68er-Generation war im Sonntagabendprogramm des Deutschen Fernsehens angekommen, und Götz George schien die Idealbesetzung zu sein. Doch eigentlich gehörte er gar nicht zu denen, die im Umfeld des neuen deutschen Films groß geworden waren und als Statement zuerst den Fernseher aus dem Fenster warfen. Er galt damals als ein Schauspieler der sechziger Jahre, wo er unter anderem in Karl-May-Verfilmungen mitwirkte. Doch Götz George widersetzte sich diesem Eindruck. Er passte zu seiner Rolle, die geprägt war von „Beschränktheit und Menschlichkeit, Fairness und Gerechtigkeitsfanatismus“, wie es George selbst beschrieb. Er mochte die politische Haltung, die zu der Figur gehörte, die mal subtil war, und mal unverkennbar. In zwei Tatort-Folgen trug Schimanski den Gelbe-Hand-Button „Mach’ meinen Kumpel nicht an“, um sein Eintreten gegen Fremdenfeindlichkeit zu verdeutlichen.

„Alles ist politisch!“, sagte George in einem Interview ( Spiegel online) anlässlich seines letzten Schimanski-Auftritts. „Wenn du in Duisburg drehst, musst du politisch sein. Wie haben wir damals mitgebrüllt gegen die Mächtigen von ThyssenKrupp, wir sind mit den Stahlarbeitern auf die Straße gegangen. Aber selbst mir als alten SPD-Mann war immer schon klar: Die Massenentlassungen waren abgemachte Sache, die Politik hat längst entschieden“, hatte Götz George die Abwärtsentwicklung im Ruhrrevier miterlebt.

Duisburg hatte er in den achtziger Jahren kennengelernt. Etwa drei Wochen dauerten damals die Drehtage in der Stadt an Rhein und Ruhr. Er mochte die Stadt. Die späteren Entwicklungen sah er nur noch flüchtig. Es wurde immer häufiger in München und später in Köln gedreht, auf Duisburg entfielen dann nur noch zwei oder drei Drehtage. Duisburg sehe inzwischen aus wie Düsseldorf oder Köln, lamentierte George, sei teils aufgehübscht, teils traurig verwahrlost. „Dieses alte Duisburg gibt es nicht mehr. Aber da gehört Schimanski hin“, sprach der Schauspieler aus Sicht seiner Figur.

George spielte sie in 27 TV-Tatortfolgen, zwei Kinofilmen und 17 Folgen der Reihe „Schimanski“. Er wurde alt mit seiner Figur und hob sich damit wohltuend von den Filmreihen ab, in denen die Hauptdarsteller zeitlos dargestellt werden. 2013, George war inzwischen 75 Jahre alt und die Figur des Schimanski kaum jünger, sahen wir den Duisburger Ex-Polizisten das letzte Mal im Fernsehen. „Dieser Typ tritt so leise ab, wie er laut angefangen hat“, erklärte der Schauspieler bereits 2014 den  Abschied von seiner Paraderolle, denn er habe nicht mehr die Kraft von Schimanski.

Am 19. Juni 2016 ist Götz George gestorben. Wir haben einen ganz großen Schauspieler verloren.

Harald Schrapers · 2016 


Götz George alias Schimanski könne man trotz aller Schlägerlaune keinesfalls die Sensibilität absprechen, schreibt Spiegel online. „Die war immer da, schwang immer mit. Nicht erst, wenn er 1991 in der ersten Folge der Schimanski-Reihe am Grab von Kollege Thanner mit den Tränen ringt, den kleinen phallusförmigen (!) Kaktus, den er in den Pranken hält, nicht mal von der Verpackung befreit, bevor er ihn neben die Kondolenzkränze stellt: Es ist nur ein Kaktus, aber Schimmi lässt Blumen sprechen. Auch wenn sie wahrscheinlich ,Komma, hömma, sachma‘ raunzen, weil sie stachelig sind wie ihr Verschenker.“
 Spiegel online: Götz George als Schimanski – Komma her, Mensch!   Spiegel online: Schimanski, der Ruhrpott, meine Familie und ich

„Ein Rebell alles in allem, instinktiver Gegner der Bosse, wenn er witterte, dass sie Dreck am Stecken hatten, den armen Schweinen der Duisburger Ganovenwelt gegenüber aber durchaus voller Verständnis, eine Art 68er auf dem Marsch durch die Institutionen, bei dem er bei seinen Vorgesetzten mehr als genug aneckte“, portraitiert der Tagesspiegel Horst Schimanski.
 Der Tagesspiegel: Hart, ganz hart, aber innen ganz weich   Der Tagesspiegel: Mit dem Leben gespielt

„Ein Ermittler in ziemlich verkruschelter Jacke mit vielen Taschen, eher ungekämmtem Haar – und in dieser Rolle ein Idol“, schreibt die taz. „Seine Urlandschaft war Duisburg, die Ruhrpottstadt ohne Schick und Charme, rau und schwitzend. Eine ganz ungewöhnliche Schönheit, ein Mann, der alle körperliche Wucht nicht wie einen Übergriff aussehen ließ, eher wie ein scheues Angebot, sich faszinieren zu lassen. Knapp vier Jahrzehnte ist das her: Niemand konnte ahnen, dass ein solcher Kommissar, ein unparfümierter James Bond in Elendsquartieren, Pop werden würde.“
 die tageszeitung: Der liebste Guerillero der Deutschen   die tageszeitung: Sein letzter Dialog

„Während die Schauspielerei im öffentlich-rechtlichen Fernsehen oft wie eine Form des Berufsbeamtentums wirkt, ist George der mimische Anarchist“, stellt die FAZ fest. „Er macht seine Stunts selbst. Seine blauen Flecken sind nicht geschminkt. Sein Schimanski-Parka, seine Muffigkeit, seine Manierismen werden Teil des Lebensstils im Ruhrgebiet.“
 Frankfurter Allgemeine: Einer wie Götz George verglüht in seinen Bildern

„Kein anderer vor oder nach ihm hat diese Tatort-Höhe erreicht, diese Kongruenz mit der Figur“, schreibt Die Welt. Als ihm der WDR zum 75. noch einen letzten absolut großartigen Schimanski („Loverboy“) schenkte, sei Götz George noch mal richtig in Fahrt gekommen. „Überhaupt wirkte Georges Schimanski als Rentner um Jahre jünger und körperlicher als all die Ballauf, Batics und Borowskis mit ihren seelischen Zipperlein und Betroffenheitsmienen. Er hatte nichts Zynisches. Nichts Abgeklärtes. Er war the last man standing, einer, der eine Granatenwut kriegte, wenn sich andere Männer schlecht benahmen, besonders, wenn sie sich an Frauen oder Kindern vergriffen. Das, ahnte man, war auch Teil des Menschen Götz George.“
 Die Welt: Den Vater überholt – ohne es zu begreifen

„Was ist diesseits, was ist jenseits vom Gesetz, wenn der Underdog den Sheriff gibt?“, fragt die FR. Gleichermaßen grobschlächtig wie nobel habe Götz George eine ungeschönte Maskulinität in die Popkultur der achtziger Jahre gerettet. „Und gab ganz nebenbei dem Fernsehen zurück, was dem deutschen Kinofilm schon abhanden gekommen war: das Genre.“
 Frankfurter Rundschau: Eine Klasse für sich

„Götz George ist am 19. Juni gestorben, die Nachricht wurde erst bekanntgegeben, als er schon beerdigt war“, so die SZ. „Keine große Trauerfeier, keine Paparazzi auf dem Friedhof. Schimanski hätte zu Thanner gesagt: ,Tu mir den Gefallen und halt mir die Meute vom Leib, ja?‘“
 Süddeutsche Zeitung: Der Spieler  

„Von heute aus betrachtet würde Schimanski wohl zuerst als scheinbar unangepasster, ‚inkorrekter‘ Held gefeiert, dabei erweist er sich beim Wiederanschauen der alten Folgen als ziemlicher Stresser, der mit jedem Problem, das er löst, mindestens ein neues produziert“, kommentiert Zeit online. „Und als bisweilen unangenehmer Moralist. Kurz, Schimanski stellt ein Rätsel von solcher Dimension dar, dass man von einem Mythos sprechen kann. Die Widersprüchlichkeiten ziehen sich bis in die Sexualpolitik von Georges bekanntester Figur: Der Macho ist zugleich dauergefühlig.“
 Zeit online: Der Deutschlandkörper

„Wenn du als Mime so mit einer Rolle identifiziert wirst, trägst du große Verantwortung“, heißt es auf vorwärts.de. „Du kannst dann verkleidet für viel Geld und alles mögliche Reklame machen. Oder du wirst wahrhaftig, nutzt die Popularität und weist auf Missliches hin, auf Skandalöses. George wies hin. Die Tatort-Drehbücher waren voll von Stellungnahmen, Gewerkschaftspositionen und Konsumkritischem. In einer Folge heftete er sich die Gelbe Hand an den Parkakragen, das Symbol der DGB-Aktion ,Mach meinen Kumpel nicht an‘, früher Antirassismus der 80-er Jahre.“
 vorwärts.de: Schimanski war cool, als es das Wort noch nicht gab


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