DIE LEGENDE

Die Legende aus Duisburg

Duisburg-Ruhrort, 28. Juni 1981: Wir sehen Kriminalhauptkommissar Horst Schimanski, gespielt von Götz George, das erste Mal am Tatort bei der Ermittlung in einem Mordfall. Beim Sichten der Trotzki- und Luxemburg-Bücher des Mordopfers erfährt er von seinem Kollegen: „Lehrer wäre er damit nicht geworden.“ Die Grauen Wölfe schienen hinter dem Verbrechen zu stecken.

Als Erfinder des Schimanski gelten der Regisseur Hajo Gies sowie Bernd Schwamm und der mittlerweile verstorbene Hartmut Grund, die als Autor, Dramaturg beziehungsweise Produzent in München tätig waren. Seit Ende der siebziger Jahre existierte im Umfeld der dortigen Filmhochschule und der Bavaria die Idee, eine für das Fernsehen völlig neue Polizistenfigur zu erschaffen. Doch erst mit dem Ende der Essener Haferkamp-Tatorte gab es die Chance, die Idee umzusetzen.

„Mich hat immer das Neutrale der Kommissar-Figuren genervt, die in ihrem Trenchcoat herumliefen. Die zwar immer traurig geguckt haben, aber dann doch nicht in den Fall involviert waren“, rechnete Hajo Gies mit den klassischen deutschen TV-Krimis ab. „Wir wollten die Kommissare in den Mittelpunkt stellen. Dafür haben wir eine subjektive Erzählweise entwickelt.“ Alle Schimanski-Folgen seien ausschließlich aus der Perspektive des Kommissars erzählt. Das private Verhältnis Schimanskis zum Fall seit dabei wichtiger als der Fall selber.

Duisburg-RuhrortDer junge Schimanski (Götz George) in „Duisburg-Ruhrort“ (1981) mit Kriminaloberrat Karl Königsberg (Ulrich Matschoss) und Thanner (der verstorbene Eberhard Feik).

Geboren wurde Schimanski am 9. Oktober 1938 in Stettin – dies erfuhr ein niederrheinischer Dorfpolizist in der Folge „Bis zum Hals im Dreck“, als er dessen Personalien aufnahm. Schimanski machte sich gern auch fünf Jahre jünger. In der Folge „Zabou“ wurde behauptet, er sei 1943 in Breslau geboren. In „Muttertag“ sagte er, 1948 geboren zu sein. Schimanski wuchs ohne Vater in einfachsten Verhältnissen die meiste Zeit in Duisburg beziehungsweise Homberg auf. Er hatte nie die Chance, zu lernen, mit Geld umzugehen. „Schimanski lebt vom Dispo, und er lebt in den Tag hinein“, so Frank Goyke und Andreas Schmidt in ihrem Buch „Horst Schimanski“. Während seiner Schweißerlehre wurde er in einer Straßengang zum Automaten- und Autoknacker. Dabei traf er auf Kommissar Karl Königsberg, den späteren Kriminaloberrat. Der griff ihn auf und schickte ihn zur Polizeischule.

Zwar war Schimanskis Gerechtigkeitssinn kanalisiert, doch die scheinbar unveränderlichen Macht- und Herrschaftsstrukturen unserer gesellschaftlichen Institutionen akzeptierte er deshalb noch lange nicht. Königsberg stellte ihm Hauptkommissar Christian Thanner (gespielt vom verstorbenen Eberhard Feik) als Partner und Aufpasser zu Seite. Thanner verkörperte die „Wirklichkeit des deutschen Mannes“ (FAZ-Magazin). Er musste Schimanski, den „Traum eines deutschen Mannes“, ständig mit einem „Mensch, Horst“ bremsen.

Schimanski wurde auf die Menschheit losgelassen. Bild am Sonntag reagierte prompt: „Der Ruhrpott kocht: Sind wir alle Mörder oder Trinker?“. Die Neue Ruhr Zeitung (NRZ) forderte: „Werft den Prügel-Kommissar aus dem Programm!“. Und der Leiter der Duisburger Mordkommission bestätigte: „Bei mir dürfte dieser Mann nicht mal Fahrrad-Diebstähle bearbeiten.“ „Diese Sendung war eine infame Beleidigung für jeden anständigen und korrekten Beamten, der seinen aufopferungsvollen Dienst für die Bevölkerung verrichtet“, stimmte die Nürnberger Zeitung aus der Distanz zu, und die Passauer Neue Presse meinte: „Dieser Tatort mixt Gassenjargon, handfeste Schlägereien, Spelunkenmilieu und schreckliche verbale Entgleisungen mit Rauschgift, Eifersucht und Waffenschmuggel zu einem dicken Brei und garniert ihn mit einer Lösung, die an Schwachsinn nicht zu überbieten ist.“ Nur die tageszeitung (taz) war begeistert: „Solche Bullen braucht das Land!“

Der unsichtbare GegnerIm größten Binnenhafen der Welt: „Der unsichtbare Gegner“ (1982).

Dabei, schreibt Günter Franzen in „Komm zurück, Schimmi!“, sei doch alles ganz harmlos. Ein Märchen werde erzählt, und dieses Märchen werde variiert, wieder und wieder. Das Märchen spiele im tiefen Westen, „in der die stillgelegten Zechen und Stahlwerke mitten im Dorf liegen, in der die Klassengegensätze überschaubar sind und es noch fiese mehrwertraffende Kapitalisten und in der Wolle gefärbte grundanständige Proletarier gibt“, die „notorische Sozialdemokraten, Kleingärtner, Kneipengänger und Currywurst-Konsumenten“ seien. In zehn Jahren und 29 Filmen, davon zwei Kinoproduktionen, legte sich die Aufregung weitgehend. Duisburgs damaliger Oberbürgermeister (OB) Josef Krings schrieb Schimanski zum Abschied versöhnlich: „Jetzt bleibt uns nur noch der MSV, aber der ist auch erstklassig, obwohl es niemand glaubte.“ Die meisten Schrottplatz-Aufnahmen wurden eh in München gedreht, und am Ende sprachen auch immer mehr Nebendarsteller und -darstellerinnen bayerischen Akzent.

Das ganze Ruhrgebiet, so Marabo, habe mit Schimanski eine Identifikationsfigur bekommen, wie es sie noch nie gegeben habe. „Der Typ, den sich ein paar Leute in München bei der Bavaria-Filmproduktion ausgedacht hatten, der von einem Berliner Schauspieler verkörpert wurde, traf die Menschen im Revier mitten ins Herz.“ Es hätten Leute von auswärts kommen müssen, um „aus den Bestandteilen des regionalen Minderwertigkeitskomplex’ ein geliebtes Markenzeichen fürs Revier zu machen.“

Horst-Schimanski-Universität

Unterschiedlichste Reaktionen waren die Folge des 1992 von der Juso-Hochschulgruppe gemachten Vorschlags, die bis dato namenlose Duisburger Universität-Gesamthochschule – statt nach dem Kartografen Gerhard Mercator – nach Horst Schimanski zu benennen. „Horst Schimanski hat die Schönheiten, Lebensgewohnheiten, Traditionen sowie die Ruhrgebietskultur den Zuschauern im ganzen Land auf sympathische Art nähergebracht“, argumentierten die Jusos in einer Pressemitteilung. „Auch die sozialen Probleme und Brennpunkte dieser Stadt wurden durch ihn glaubwürdig vermittelt.“

TouchéAus der taz.

Daraufhin lobte die NRZ die Juso-Hochschulgruppe dafür, dass sie „gegen Profilneurosen und den Duisburger Mercator-Wahn“ zu Felde ziehe. Einen Tag später verbreitete Bild eine ermutigende Umfrage. Taxifahrerin Margot Hertel (45) fand den Juso-Vorschlag lustig und Rentnerin Henny Mark (77) meinte, dass Schimanski zu Duisburg passe und moderner sei als Mercator. Dagegen sagte OB Josef Krings, dass die Hochschule einen seriösen Namen bekommen müsse. Er sei für Gerhard Mercator. Die NRZ ermutigte die Jusos trotzig mit Durchhalteparolen: „Recht so Jungs! Dranbleiben!“ Der CDU-Ableger RCDS warf den Jusos „intellektuellen Tiefflug“ vor. Da jedoch „den Nachwuchskonservativen das Malheur passierte, dass sie das Wort intellektuell jedesmal falsch schrieben, nämlich ,interlektuell´“, meinte die Rheinische Post: „Schwamm drüber.“

Im ARD-Frühstücksfernsehen und in der Aktuellen Stunde des WDR griff die Figur Horst Schimanski persönlich in die Auseinandersetzung ein: „Entweder wir steigen ganz groß ein oder ganz groß aus.“ Den Vorwurf „was spielen Sie hier eigentlich, den proletarischen Helden?“ konterte Schimanski gewohnt gelassen: „Oh Vorsicht, nichts gegen das Proletariat, das ist wieder stark im Kommen.“ „Für die Jungsozialisten bleibt er der Favorit“, schloss die ARD-Morgenmagazin-Redakteurin den Beitrag. „Und wenn es dann doch nicht klappen sollte mit der Schimanski-Universität in Duisburg, so könnte man doch wenigstens einen Schornstein nach ihm benennen.“

Aus der nicht ganz ernst gemeinten Schimanski-Hochschule wurde tatsächlich nichts. Einzig die Taufe auf den Namen Gerhard Mercator musste um mehr als ein Jahr verschoben werden, bis sich die Wellen weitgehend gelegt hatten. Lange hielt sich der Name allerdings nicht. Inzwischen ist die Hochschule seit ihrer Fusion mit der Universität Essen wieder namenlos. „Ganz verebbt ist der Ruf nach dem Namen Schimanski aber nie“, schrieb der UniSpiegel noch im Jahr 2005.

Kriminalmärchen zum vorläufigen Abschied 

Zahn um ZahnPrügelnde Bullen in der Folge „Zahn um Zahn“ (1986), die genauso wie „Zabou“ eine Kinoproduktion war.

In der damals letzten Folge konnte Schimmi sich noch einmal mit einem Rundumschlag gegen das Establishment und das verbündete internationale Verbrechen mit ungezählten verkürzten, auf die Spitze getriebenen Zitaten in Szene setzen und seine Erhöhung zur Kunstfigur vollenden. Abflachende Drehbücher hatten zuletzt häufiger keine Alternative mehr zur Selbstparodie, zur Klamotte gelassen. So gab es nach einigen köstlichen Gags in der in Zusammenarbeit mit dem ostdeutschen Fernsehfunk entstandenen Folge „Unter Brüdern“ dann wieder Proteste: „Ossis sauer auf Schimanski: Sind nicht die Deppen.“ (Express) Selbst Höhepunkte, wie die Grimme-Preis-ausgezeichnete Folge „Moltke“, gaben Anlass zu Kritik: „Diesmal außer rotzig auch noch angetrunken.“ (Frankfurter Rundschau) Der Politkrimi „Der Pott“, der den legendären Arbeitskampf um Krupp Rheinhausen in den Mittelpunkt stellte, hätte ein Drehbuch gehabt, das Karl Marx und Erich Honecker nicht besser hätten schreiben können, meinte die taz. „Ein Hauch von Oktober-Revolution wehte durch die deutschen Wohnzimmer. So schlecht dieser Schimanski in seiner Proli-Verklärung war, dem kein Klischee aus dem Revier zu platt war, so sensationell war doch der fernsehgerechte Einstieg ins Arbeiter-Milieu.“

Mal kämpft Schimanskis gegen Umweltsünder, mal setzt er sich gegen Ausländerfeindlichkeit ein. Gesellschaftspolitische Themen fanden in den Filmen regelmäßig statt. Schimanski sei keine politische Figur, kein Linker, sondern „irgendwie moralisch“, meint Eike Wenzel in seinem Buch „Ermittlungen in Sachen Tatort“. „Das Hineinbasteln von zeitgeschichtlichen Versatzstücken in die Handlung begräbt in den politisch ambitionierten Schimanski-Folge manches Mal die Wirklichkeit unter sich“, kritisiert er. „Zeitgeschichte ist dann nur noch eine schwerverdauliche Sozialsoße, mit der sich der Krimiplot gesinnungsmäßig veredeln lässt.“

Filme, wie der vorletzte Schimanski-Tatort zum Thema Kinderprostitution in seiner außerordentlich sensiblen Vorgehensweise, blieben am Ende seltene Ausnahmen. „Und der Gefühlsmensch Schimanski kam wahrhaftig zur Geltung: Solch einen gibt's so schnell nicht wieder.“ (Süddeutsche Zeitung)

Am Schluss war Schimi zum Supermarktdetektiv degradiert, und eine Polizeipsychologin bedeutete ihm sein Ende. Einmal durfte er noch mit einer Schale Pommes rot-weiß in einem Gourmetrestaurant Platz nehmen. Italiener machten Campingurlaub mit Blick auf eine Stahlwerkskulisse direkt am Rheinufer. Da stand er mit seiner Jacke und den Cowboystiefeln.

Thanner fand das sicherlich von Schimanski nie angerührte Handke-Buch „Kurzer Brief zum langen Abschied“ in dessen Bücherschrank – ein Geschenk des Vorgängerkommissars Haferkamp aus Essen. Schimi wurde in einem R4 von einer Vespa verfolgt. Die Motorradgang, der väterliche Freund Königsberg und der Saarbrücker Kommissar Palu als Retter in höchster Not tauchten in diesem Kriminalmärchen auf.

Dann segelte Schimi über die atemberaubende Kulisse der Stadt an Rhein und Ruhr. Und als er über der damals größten Dreckschleuder Duisburgs, der Homberger Sachtleben Chemie schwebte, brüllte er das Losungswort: „Scheiße …“

Das Schlusskapitel der Schimanski-Saga, resümiert das FAZ-Feuilleton, enthüllte sich so doch noch als Entwicklungsroman. „Dieser Roman handelte vom Unbehagen der verwalteten Welt an sich selbst, vom ständigen Kampf mit den korrupten und festgefahrenen Institutionen, vom Aufbegehren gegen Tabus und Triebreduzierung, von spontanen Empfindungen wie Gerechtigkeit, Geilheit, Kinderliebe, wo das Leben sonst nur geplant und vermittelt war. Am Ende dieser Saga stand die alte bürgerliche Einsicht, dass der Mensch eigentlich zur Freiheit geboren ist, dass er aber erst genug gestrebt und gelitten haben muss, um tun zu dürfen, was er will.“

Macho oder schmuseweiches Übergangsobjekt 

Geliebt wurde Schimanski vom „gleichermaßen hochwohlgeborenen wie erlesenen deutschen Feuilleton“ (Zeit-Magazin) nicht. Doch auch außerhalb dessen war er nicht unumstritten. Viele hielten ihn schlicht für einen „blöden Macho“.

Das FAZ-Magazin meinte dagegen, dass Schimi – genau besehen – alles andere als ein Macho gewesen sei. „Er war ein schüchterner Typ. Vor lauter Emotion heulte er oft drauflos und kriegte in jeder Folge eine ordentliche Tracht Prügel. Aufs Ganze gesehen, war er der einzige Held, den wir noch akzeptieren können: ein Verlierer.“ Und am längsten würde von ihm das hilflose Menscheln und Stammeln in Erinnerung bleiben: „Komm, komm! Du, Mensch, du, das kannste doch nicht machen! Mensch, du.“

Der Psychotherapeut Günter Franzen nennt Schimanski „analytisch gesprochen, ein schmuseweiches Übergangsobjekt“, einen etwas groß geratenen Teddybären. Und die Spiegel-Redakteurin Barbara von Jhering stellte schon vor Jahren fest, dass Schimanski in all seinen Widersprüchen und offen zur Schau getragenen Verletzungen auf dem ersten Blick wie die Synthese aus dem gründlich aus der Mode gekommenen Macho alter Art und dem sensiblen Ehemann hinterm Wickeltisch erscheine. „Vom klassischen Macho hat er die Brutalität zurückbehalten und gelegentliche Anflüge von Sentimentalität – aber vor größeren Gefühlsverstrickungen bewahrt ihn seine riesige Bindungsangst.“ Dem anderen Geschlecht gegenüber zeige er sich abwartend und misstrauisch, Scheu vor Nähe demonstrierend.

SpielverderberThanner, Schimanski und Hänschen (Chiem van Houweninge) und die „Spielverderber“ (1987).

Günter Franzen versuchte seine Schimanski-Begeisterung nach der Folge „Das Haus im Wald“ genauer zu ergründen. Den Film fasste er mit deutlichen Worten zusammen: „Der Drehbuchautor litt bei Abfassung seines Skripts unter massiven Wortfindungsschwierigkeiten und stand selbst erheblich unter Alkoholeinfluss, der Kameramann arbeitete mit eingerostetem Stativ und kompletter Unterbelichtung, der Regisseur scheint sein Diplom beim Versandhaus Neckermann erworben zu haben, und die Schauspieler agieren feucht-fröhlich drauflos wie eine bunt zusammengewürfelte Truppe von Knallchargen – da beißt die Maus keinen Faden ab.“ Durch das so entblätterte Bildschirmgeschehen erleichtere sich die Sicht auf den Kern der Begeisterung, das Spiel des Hauptdarstellers. „An dem Mann ist nichts dran. Der Mann hat bodenlos blaue Augen. Der Mann trägt eine Jacke.“ Und wenn er die nicht anhabe, dann sehe man, dass er einen Körper hat und dass es eine Lust ist und ungeheuren Spaß macht, ein Mann zu sein. „Das ist es. Das ist im Grunde alles.“

Eike Wenzel weist darauf hin, dass Schimanski „eine Sehnsuchtsgestalt, ein romantischer Antiheld“ sei. „Aus einer existenziellen Unzufriedenheit heraus, so haben es seine ,Erfinder‘ vorgesehen, entwickelt er seinen Gerechtigkeitssinn und die Bereitschaft, das eigene Leben jederzeit aufs Spiel zu setzen“, so Wenzel. Das Leben mit uneinlösbaren Sehnsüchten sei ein zentrales Motiv, wenn man die Faszination von Schimanski begreifen wolle.

„Er steht für Freiheit und Unabhängigkeit, weil er sich nicht den gesellschaftlichen Zwängen unterwirft, sich nicht fremd bestimmen lässt, weder privat noch beruflich“, schreiben Helmut Wacker und Almut Oetjen in ihrem Buch „Tatort“. Schimanskis Rebellentum sei nicht „akademisch“ herbeigeredet, sondern „Ausdruck seiner Natur“.

Der letzte proletarische Held ist zurück 

Die SchwadronDer zurückgekehrte Schimanski zusammen mit Oberstaatsänwältin Bonner (Geno Lechner) im Kampf gegen „Die Schwadron“ (1997).

Schimanski (oder Götz George) hatte 1991 entschieden: „Ich hab’ einfach kein Bock mehr, ich hab’ die Schnauze voll.“ Und die FAZ atmet auf: „Fast zeitgleich mit der Sowjetunion hat uns in Horst Schimanski der letzte proletarische Held verlassen.“ Doch die Geschichte ließ sich nicht mehr aus der Welt schaffen.

Schimanski war der erste Vorbote eines völlig neuen Ruhrgebiets-Selbstbewusstseins. Zuvor wollte das Ruhrgebiet alles Mögliche sein, „nur das Ruhrgebiet will es nicht sein“, stellt die Westdeutsche Allgemeine (WAZ) fest. Der Rückkehr Schimanskis 1997 wurde folgerichtig wenig später die Ruhrgebiets-Kampagne „Der Pott kocht“ zur Seite gestellt. Und der Sturm, so die WAZ, sei gar nicht mehr so heftig gewesen. Selbstironie entwickle nur, wer in sich ruhe. Bis dann 1998 nach der Folge „Rattennest“ wieder Borniertheit und „Kleinkariertheit“ – so schimpfte der Stadtplanungsdezernent – in Duisburg einzog ( Provinzposse ums „Rattennest“), was sich 2008 in Rheinhausen wiederholte ( Rheinhausen kleinkariert)

1997 wurde Christian Thanner von einer Gruppe Polizisten, die das Recht selbst in die Hand nehmen wollten, ermordet. Thanner stand dieser „Schwadron“ im Weg. Ein LKW überrollte ihn, als er in einer Telefonzelle stand. Die Düsseldorfer Oberstaatsanwaltschaft ruft daraufhin Schimanski zur Hilfe, nachdem sie zuvor sein seit 1991 laufendes Disziplinarverfahren eingestellt hat. Schimanski lebte nach seinem Abschied aus Duisburg viele Jahre lang zusammen mit seiner Partnerin Marie-Claire auf einem Hausboot in Belgien. Ins Ruhrgebiet kam der „Ruheständler“ nur noch, wenn ihn sein Freund Hänschen, der seit 1999 wieder im Duisburger Polizeipräsidium arbeitet, darum gebeten hat.

2006 ist Horst Schimanski wieder nach Duisburg gezogen. Damit bleibt weiterhin der – über die Stadtgrenzen hinaus – bekannteste Bürger der Hafenstadt an Rhein und Ruhr.

© niederrhein magazin / Horst-Schimanski-Homepage 1992–2008 – Autor: Harald Schrapers – Fotos: WDR


[ Homepage ]