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Stadt, Müll, Tod

Tatort Ruhrort. Vor 25 Jahren lief der erste "Schimanski" Damals ein Skandal. Heute feiert das Revier den Duisburger Raubauz als Kultfigur

Duisburg. Vor einigen Jahren gehörte es zu den Pflichten der Verwaltungsangestellten Gabi Jasper, gelegentlich in die verlassene Hubertusstraße zu schauen: eine kurze Straße in Bruckhausen, vor der Kulisse des Stahlwerks, mit leeren und verfallenen Mietshäusern, die auf ihre Erlösung warteten - den Abriss. Eines Morgens fand Gabi Jasper diese Straße als Müllkippe vor, und zurück im Rathaus ordnete sie deren Abfuhr an: "Das lag bis in die Eingänge und hätte brennen können." Sie konnte ja nicht wissen, dass sie nicht irgendwelchen Müll beseitigen ließ - sondern Requisiten des Tatort-Teams, welches den Müll zuvor aufgehäuft und liebevoll arrangiert hatte: also möglichst dreckig.

Man ahnt es schon: An jenem Tag sollte in der Hubertusstraße eine Schimanski-Szene gedreht werden; die Stadt, der Müll und der Tod war ja immer das Thema dieses Raubauz' von Kommissar. Seinen Dienst hatte er angetreten am 28. Juni 1981, heute vor 25 Jahren, mit einem als durchaus richtungsweisend zu betrachtenden ersten Satz: "Du Idiot, hör' auf mit der Scheiße!"

Über Schimanski ist das meiste geschrieben. Wie sie ihn aus der Stadt zu jagen versuchten, weil er Duisburgs Ansehen schade; wie die Figur größer und größer wurde, größer als der Tatort, eine eigene Serie; wie es kommt, dass Schimanski heute gilt als einer der Vorläufer der Ruhrgebiets-Identität. Die Müll-Partisanin Gabi Jasper, übrigens ein Fan, sagt heute: "Ich find' den Typen toll, das ist halt einfach dieses . . . Ruhrpott."

25 Jahre später hat Duisburg sich gewandelt. Schimanski erwacht nackt und verkatert im maroden Wedau-Stadion? Da steht heute die MSV-Arena. Schimanski hetzt auf einem Abstecher nach Essen durch eine erledigte Katernberger Zeche? Die ist heute Weltkulturerbe. Schimanski jagt durch den toten Duisburger Innenhafen? Heut' lebt sich's dort modern am Wasser. "Wenn ich die alten Folgen sehe, erkenne ich unsere Stadt nicht wieder", sagt Duisburgs Sprecher Frank Kopatschek: "Ich finde es toll, wie sie sich verändert hat." Schon vor Jahren habe Regisseur Hajo Gies beklagt, er finde "gar nicht mehr unsere alten Drehorte".

Zeit, sich zu wundern. Denn die Kupferhüttenstraße lebt doch weiter ihren Namen, und in Hochfeld oder Ruhrort könnten ohne Mühe hässliche Bilder entstehen: Duisburg, wie es knallt und stinkt, ist ja nicht aus der Welt. Um Veränderungen nachzuspüren, sollte man also vielleicht nach Bruckhausen gehen, Schimanskis wohl beliebtester Kulisse; hier ist der Mann bis heute verwurzelt, hier ist jeder mal über ihn gestolpert. "Ich hab' hier gewohnt, Hubertusstraße 20", sagt Yakup Ok (35), "ich war Kind, da haben sie an der Trinkhalle gedreht, und der Dings war auch dabei . . . der ist dann gestorben . . ." "Thanner", sagt sein Gegenüber Ersin Karahasan (32).

"Bruckhausen war damals eine schlimme Ecke", sagt Karahasan, "aber wenn man hier aufgewachsen ist, ist es die schönste Stadt." Er selber hat Schimanskis Dreharbeiten am Luftschutzbunker zugeschaut als Kind; heute ist der Klotz umgebaut, nennt sich ,Kulturbunker' und gibt Tänzern und Musikern und Sozialarbeitern Freiräume - und dem Schützenverein. "In Bruckhausen liegt vieles im Argen, aber es ist besser geworden", sagt der Sozialarbeiter Michael Fröhling (42): "Wenn hier Ärger gemacht wird, weiß ich heute, von wem, oder wen ich fragen kann. Von den drei Moscheen gibt's inzwischen auch Antworten."

42 Folgen Schimanski spielen überwiegend in Duisburg, und wenngleich vieles auch in Köln gedreht wurde: Dass die Stadt eine beliebte Filmkulisse geworden ist, rechnet selbst das Rathaus dem Kommissar an. So ist es kein Zufall, dass dieser Bunker am Hans-Raulien-Platz steht: benannt nach jenem Polizisten, den mehrere Sendungen würdigten als den "Sheriff von Bruckhausen". Sein Nachfolger heißt Georg Dümpelmann, Polizeihauptkommissar, und der sagt, er habe Schimanski immer "lustig und putzig" gefunden: "Solange einem klar ist, dass es nicht die Realität ist." Das Bruckhausen der 80er Jahre habe tatsächlich ausgesehen wie in den Tatorten, aber "da wurde ja auch noch nicht viel Stadterneuerung gemacht".

Ende März 2006 war Schimanski zuletzt in der Stadt. Zu Dreharbeiten für die neue Folge "Tod in der Siedlung". Weitere halte er für möglich, sagte der Schauspieler Götz George: "Wir machen ganz gute Kunst. Es wird ja so viel Scheiße gemacht." Er sagte das an einer Tankstelle in Bruckhausen. Hinten das Stahlwerk. Und um die Ecke die Hubertusstraße.



27.06.2006   Von Hubert Wolf
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