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25.05.2004
Stahl, Staublunge und Schimanski Duisburg ist ein Ort, wie man ihn sonst nur aus dem Osten kennt: Viele sind arbeitslos, und die Jungen ziehen weg. Was bleibt, ist die Tatort-Legende – eine Stadt sucht ihre Zukunft.
Von Esther Kogelboom, Duisburg
Duisburgs Fußgängerzone hat ein Dach und sieht aus wie eine lang gezogene Bushaltestelle. In den Duisburger Fußgängerzonen-Cafés wird der Cappuccino mit Schlagsahne aus der Sprühdose gemacht. Die Duisburgerinnen mittleren Alters, die nachmittags hier sitzen und irgendwann ein „Sonnenkernbrot“ für später mitnehmen, mögen das Geräusch, wenn Sahne aus der Sprühdose kommt. Wer es großstädtischer haben will, besteigt am Duisburger Hauptbahnhof den Zug Richtung „Centro“. Das „Centro“ in Oberhausen ist eine Shoppingmall von amerikanischer Größe. In 25 Minuten ist man dort, wo es alles gibt. Sogar Kaffee mit Pfefferminzaroma und eine kreisförmige Fressmeile, die Coca-Cola-Oase heißt.
„Düssburch“ sagen die Leute hier. „Düssburch“, tief im Westen des Ruhrgebiets. Gibt es überhaupt Gründe dafür, hier zu leben? Hier zu bleiben? Duisburg ist keine graue Maus, sondern eine erfahrene Wasserratte, die dick geworden ist im größten Binnenhafen Europas, umnebelt vom Qualm aus mächtigen Schornsteinen und umschlungen von den Autobahnen 59, 42, 40 und 3. Hinter Duisburg kommt nur noch der Niederrhein mit seinen Altrheinarmen, Radwanderwegen und Wallfahrtsorten, und dann ist da auch schon Holland.
Wenn uns Nachrichten aus dieser Stadt erreichen, sind die meistens schlecht und traurig. Letztes Jahr zum Beispiel, da kam das Gerücht auf, in Duisburg unterhalte das Terrornetzwerk Al Qaida eine Schläferzelle. Vor ein paar Tagen hieß es, das Bergwerk Duisburg-Walsum müsse zum 1. Januar 2009 schließen. Selbst die Erotikausstellung im Kasino mit Werken von Pablo Picasso, Walter Moers und Tomi Ungerer wird Ende des Monats dichtgemacht und nicht wie geplant Ende Juni – es kamen viel zu wenig Besucher. Der MSV? Steht am Ende der Saison auf Platz sieben der zweiten Liga. Eigentlich hatte sich der Meidericher Sportverein fest vorgenommen, den Aufstieg zu schaffen.
Wie zum Trotz heißt Duisburgs PR-Beauftragter seit mehr als 20 Jahren Horst Schimanski. Seit Schimmi trägt Duisburg den M-65-Parka der US-Armee, Schnurrbart und kleine feuchte, blaue Augen. 1999, als die Tatort-Folge „Rattennest“ ausgestrahlt wurde, wollte die Duisburger CDU erreichen, dass der Vermerk „Wir danken der Stadt Duisburg für die freundliche Unterstützung“ künftig aus dem Abspann genommen wird. Die Politiker sahen damals das Image der Stadt „schwer beschädigt“. Übersehen hatten sie, dass Schimanski vor allem der jüngeren Generation den Weg zu neuem Selbstbewusstsein freigeschossen hatte. „Ein Prolet zu sein wie Schimmi, das war plötzlich cool“, sagt der Schimanski-Experte Harald Schrapers und rührt im österreichischen Café „Passt scho“ in seiner Melange. Man habe sich eben nicht länger dafür schämen müssen, aus Duisburg zu kommen. Jetzt aber brauche Duisburg Visionen, sagt Schrapers, der hauptberuflich Mitarbeiter einer Bundestagsabgeordneten ist. Und Visionen traut Schrapers der SPD-Oberbürgermeisterin Bärbel Zieling nicht unbedingt zu. „Sie ist eine Verwaltungsfachfrau“, sagt Harald Schrapers. Im Übrigen stehe das heruntergekommene Hochhaus, in dem Horst Schimanski in der Folge „Rattennest“ wohnt, nicht in Duisburg, sondern in Köln.
Duisburg kann auch ganz anders – am neuen Innenhafen, wo sich die Stadt endlich dem Wasser zuwendet, offenbart sie ein anderes Selbstbewusstsein fernab von Stahl, Schimmi und Staublunge. Eines, das in Bauten von Sir Norman Foster gemauert ist und in das neue Museum für Kinder. Die Kinder kommen meist am Wandertag mit Bussen über die Autobahn aus anderen Städten. In Duisburg selbst gibt es nämlich nicht mehr so viele Kinder. Die Stadt mit ihren gut 500000 Bewohnern – Tendenz: sinkend – ist überaltert. Nur fünf Prozent der Duisburger sind unter sechs Jahren. Da hilft auch nicht die berühmte Delfin-Show des Duisburger Zoos.
Auf der Zeche Walsum bekamen sie letztes Jahr trotzdem 732 Bewerbungen für die 80 Azubi-Stellen. Die wenigsten von ihnen lernen jetzt Bergmechaniker, die meisten bleiben über Tage und lassen sich zu Mechatronikern ausbilden. Die Mechatronik ist eine Ingenieurwissenschaft, die sich mit mechanischer, elektronischer und datenverarbeitender Technik beschäftigt. Eine Allround-Ausbildung also, nicht ganz einfach. Der 24 Jahre alte Boris Schwane ist einer von ihnen, zweites Lehrjahr, Abitur, abgebrochenes Studium. Nur zum Angucken sei er an seinem ersten Tag mal „runtergefahren“, ein bisschen Platzangst habe er schon gehabt. Schwane wirkt sehr patent, ruhig. Vielleicht liegt das daran, dass sein Vater und dessen Vater auch schon hier beschäftigt waren. Eine Perspektive bietet Walsum Boris Schwane allerdings nicht mehr, seit die Bundesregierung den Kohlekompromiss geschlossen hat. Der besagt, dass künftig nicht mehr 26 Millionen Tonnen Kohle im Jahr, sondern nur noch 16 Millionen Tonnen gefördert werden sollen. Schwane hofft, dass er später mal bei Coca-Cola in Essen Arbeit findet. Mechatroniker seien dort gefragt, wegen der komplizierten Abfüllanlagen. Endlich von zu Hause ausziehen wäre auch nicht schlecht. Vom Lehrgeld kann sich Boris Schwane keine eigene Wohnung leisten. In Duisburg, nein, hier will er ganz bestimmt nicht leben. In der Stadt gibt es Diskos, die heißen „Old Daddy“ und „Delta Park“. Etwas Neues muss man lange suchen. Wer ausgehen will, für den startet der Freitagabend meist auf der Autobahn. Die Oberbürgermeisterin sagt, sie habe nach der Entscheidung gegen Walsum „die kalte Wut gepackt“. Proteste, wie 1987 in Rheinhausen, als das Stahlwerk dichtgemacht hat, erwartet niemand.
Weil man in ein Bergwerk nicht einfach so hineinspazieren kann, kommt extra der Sprecher der Deutschen Steinkohle aus Herne und startet eine Charmeoffensive – Udo Kath ist jemand, dessen Mailbox „Glück auf“ sagt, wenn er gerade in einer Sitzung ist. Kath überreicht ein Feuerzeug mit der Aufschrift „Die Zukunft ist schon lange unter uns. Deutsche Steinkohle – 400 Jahre ab heute.“ Das Ding ist Teil der zweiten großen Imagekampagne für das Ruhrgebiet seit „Der Pott kocht“. Die Entscheidung war abzusehen, und doch trifft die Schließung die Walsumer ins Mark. Kohle zu Tage fördern ist eben nicht nur ein Job, sondern hat etwas mit Stolz zu tun, mit Würde. „Sozial verträglich“ sollen die Entlassungen abgewickelt werden. Die Bürgerinitiativen, die schon länger aus Gründen der Hochwassergefahr für die Schließung der Zeche kämpfen, dürfte das freuen.
Rund um das Bergwerk Walsum könnten in ein paar Jahrzehnten Grünflächen entstehen – so wie die auf dem früheren Thyssen- Krupp-Gelände am Landschaftspark Nord. Das Hüttenwerk Duisburg-Meiderich hat von 1903 bis 1985 Stahl gekocht, heute gibt es dort einen riesigen Park mit Theaterbühnen, einem Freiluftkino und eben den alten Industriekathedralen. Baldo Brenner hat früher einmal hier gearbeitet. Heute zieht er selbst bei Graupelschauern das Wetterzeug über und zeigt Touristen die Kletterwände und das riesige Tauchbecken, das vor 20 Jahren ein Kühlturm war. „Alles Beispiele für erfolgreichen Strukturwandel“, sagt Brenner und spricht „Strukturwandel“ aus wie ein sehr fremdes Fremdwort. Als es in den größten Hochofen geht, der den Landschaftspark wie ein viel zu großer Baum überragt, wird Baldo Brenner ernst, fast ergriffen. Und er sagt einen Satz, der ein paar Sekunden widerhallen wird: „Man darf die Spuren der Arbeit nicht verwischen.“ Trotz des schlechten Wetters will Baldo Brenner ganz oben auf den Hochofen klettern. Das Angebot, stattdessen lieber einen Kaffee zu trinken, lehnt er fast ein wenig beleidigt ab. So kann man einem wie ihm nicht kommen. Baldo Brenner hat sein Leben lang die Hitze ausgehalten, was macht da schon der eiskalte Wind?
Vom Deich aus hat man einen wunderbaren Blick über den Rhein, der an klaren Tagen glitzernd und dunkelblau in der Sonne liegt. Im typischen Duisburger Dunst dagegen erkennt man das andere Ufer nicht. Da liegt Marxloh, eines der Problemviertel. Säufer vor Trinkhallen, eingeschlagene Fensterscheiben in Seitenstraßen – ein wahr gewordenes Klischee. Die Arbeitslosenquote in Duisburg liegt heute bei 15 Prozent, die meisten wohnen in Marxloh oder Bruckhausen. Schlimmer noch als die Arbeitslosigkeit findet der Duisburger SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Pflug, dass hier nur 150000 sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer leben und die Stadt unter einem Haushaltsdefizit von 200 Millionen Euro ächzt. „Dass wir noch Solidarbeiträge für den Osten leisten müssen, ist ungerecht“, sagt Pflug. Eine ohnehin angeschlagene Werft hat Pleite gemacht, als das Innenministerium nach der Wiedervereinigung die Aufträge für den Bau von Polizeibooten nach Rostock vergab. Johannes Pflug sagt: „Wer arbeiten will, muss in andere Städte gehen.“
Gibt es Hoffnung? 2008 soll das „Multi Casa“ fertig sein – ein Einkaufszentrum, das rund um den Hauptbahnhof gebaut wird. Und nächstes Jahr sollen Philharmonie und ein Kasino ins neue „Urbanum“ ziehen, das schräg gegenüber vom neugotischen Rathaus errichtet wird. „Nun hat das Rätselraten ein Ende“, schreibt die Duisburger Wirtschaftsförderung in einer Pressemitteilung. „Duisburgs junges Herz heißt Urbanum Duisburg.“
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