DIE WOCHE Nr. 46 vom 07.11.1997

Dirty Horst

»Tatort«-Kommissar SCHIMANSKI kehrt auf den Bildschirm zurück

VON SVEN BOEDECKER

Es war wohl unvermeidlich: In einer der neuen Schimanski-Folgen kommt der ehemalige Duisburger Hauptkommissar einem verdeckten BKA-Einsatz in die Quere. Hektisch werden Pistolenmagazine entleert, es kracht und scheppert, Schimanski räumt im Hechtsprung einen Tisch ab und bringt die Freundin des fliehenden Terroristen vor dem BKA in Sicherheit. Was ihm eine kurze Laudatio durch den Einsatzleiter einträgt: »Dieser abgehalfterte Bulle, dieses Arschloch, dieser Rentner!«

Das ist hart. Schimi als Rentner beschimpft, Thanner ermordet und Hänschen bei Interpol in Eindhoven untergeschlüpft. Horst Schimanski, der letzte Held des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, ist zwar wieder da, aber um ihn herum ist es einsam geworden. Was zwischen 1981 und 1991 in 29 »Tatort«-Folgen die Republik heftig bewegte, wird nun als eigenständige Serie mit Götz George als Quotenbringer reanimiert.

Die erste Folge weist den Weg ins neue Konzept: Schimanski, seit einigen Jahren vom Dienst suspendiert, bastelt an seinem Hausboot in Belgien herum und verdingt sich als Boxtrainer. Da tauchen zwei Düsseldorfer Polypen auf, die ihn im Auftrag der Staatsanwältin Ilse Bonner als Special Agent auf Projektbasis zurückholen sollen. Beim ersten Mal ködern sie ihn mit der Nachricht, dass sein alter Kumpel Christian Thanner (Darsteller Eberhard Feik verstarb 1994) gerade von der Revier-Mafia plattgemacht wurde. Nun soll Schimi den dafür verantwortlichen Maulwurf im Duisburger Polizeipräsidium zur Strecke bringen. Das klingt so lau, wie es ausschaut, und auch George mäkelt an Regisseur Joseph Rusnak herum: »Der konnte mit der Figur, glaube ich, nichts oder wenig anfangen.« Den zweiten Fall übernimmt er aus reinem Idealismus, und in »Hart am Limit« wird ihm ein neuer Dieselmotor für sein Boot versprochen, damit er sich um die aus der Haft entlassene Freundin eines Terroristen kümmert.

»Unsere Gesellschaft«, begründet WDR-Fernsehspielchef Gunther Witte die Rückkehr Schimanskis, »geht harten Zeiten entgegen, in denen gerade Kämpfer für Menschlichkeit und Gerechtigkeit umso mehr gebraucht werden.« Vor so einem überzogenen Anspruch könnte man als Schauspieler kapitulieren. George tut es nicht, er ignoriert ihn. Sein von den Fesseln des Beamtenapparats befreiter Schimanski ist älter und in Maßen ruhiger geworden. Das archaische Gerechtigkeitsgefühl hat überlebt und den Kompass trägt er zuweilen immer noch in der Hose. »Aber die Illusionen sind ihm abhanden gekommen«, sagt Regisseur Hajo Gies. »Er glaubt nicht mehr die ganze Welt verändern zu können, höchstens einzelne Personen.« Dabei ist er aufbrausend und verzweifelt, komisch und herzlich, großmäulig und kleinlaut wie einst. Dieser Schimi kann auch als rumpelnder Rentner bestehen, weil er körperlich, sprachlich und mit seinem Temperament die 59 Lebensjahre seines Darstellers vergessen macht.

Dennoch findet die Reihe erst ab der zweiten Folge wirklich zu sich, wenn Gies die Regie übernimmt. Hier ist der neue Schimi fast der alte, so der Regisseur, der weiß, dass man die Figur für eine junge Generation neu einführen muss. »Früher wussten alle sofort Bescheid, wenn ich sagte, ich hätte den Schimanski gemacht. Die 20- bis 25-Jährigen im Team erinnern sich heute nur daran, dass sich ihr Vater damals fürchterlich über ihn aufregte.«

Das Erregungspotenzial der frühen Jahre ist heute nicht mehr vorhanden. Als Gies, George und Bernd Schwamm von der Bavaria die Figur entwickelten, bedeutete Schimanski einen radikalen Bruch mit der Tradition des deutschen Fernsehkommissars: Dem manierlichen Essener Kommissar Haferkamp (gespielt von Hansjörg Felmy) folgte »Dirty Horst« aus Duisburg. Schimanski war eine typische Figur der 70er Jahre, eingezwängt zwischen den verpuffenden Revolutionsgefühlen und dem heraufziehenden Konformitätsdruck der Yuppie-Ära. Seine Kämpfe gegen Sesselfurzer, Saubermänner und Beamtenärsche waren Ausbruchsversuche aus einer normierten Verwaltungsexistenz. Im Zentrum standen weniger der Fall und seine Auflösung, sondern das Duo Schimanski/Thanner. Schimi war der Wunsch (von Frauen und Männern gleichermaßen) und Thanner die Wirklichkeit - eine deutsche Tragikomödie. Legendär waren Szenen, in denen ein durchdrehender Schimanski von Thanner mit einem inbrünstigen »Mensch, Horst!« ins Beamtenleben zurückgeholt wurde.

Für seine damals neue Machart wurde der Duisburger »Tatort« angefeindet und geliebt. Zeitungen forderten seine Absetzung, die Polizei fürchtete um ihr Image und der WDR wollte den sprachlichen Realismus eindämmen - das Wort »Scheiße« führte vor 15 Jahren noch zu Proteststürmen. Andererseits wollten alle am Aufstieg Schimanskis zum Mythos teilhaben. Die von Fans belagerten Dreharbeiten glichen Popkonzerten, in Polizeibüros hingen Poster des TV-Ermittlers und eine Duisburger Gesamthochschule sollte nach Schimanski benannt werden.

So umstritten »die Tatorte« waren, der Zuschauererfolg war ihnen stets gewiss. Als einziger Kommissar lockte Schimanski drei Millionen Menschen ins Kino und sonntagabends schalteten sich bis zu 20 Millionen Zuschauer ein. Heute erwartet der WDR nicht einmal die Hälfte. Das dürfte aber realistisch sein, denn die Konkurrenz ist größer geworden und die Reihe hat ihre Einmaligkeit verloren. Überdies ist die Figur Schimanski nun auf sich allein gestellt. Abgesehen von Ilse Bonner (Geno Lechner) ist Schimanski umstellt von Schießbudenfiguren, die ihm kein Paroli bieten können.

Das hat auch Hajo Gies gemerkt und »Blutsbrüder« als Hommage an die alten Zeiten inszeniert. Mit dem Wirtschaftskriminellen Mandel (gespielt von Christoph Waltz) stellt er Schimi eine Art Ersatz-Thanner zur Seite. Die beiden können sich reiben und bekriegen, etwa wenn der Alte den Jungen verspottet: »Keine Haare am Sack, aber im Puff drängeln.« Das hätte Schimi in einem übellaunigen Moment auch zu Thanner gesagt. Und der hätte geantwortet: »Also Horst, du hast sie wohl nicht mehr alle.«


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