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Der lange Weg in ein besseres Land
Allein unter Schleppern: In seinem neuen Fall „Asyl“
ermittelt Schimanski undercover und wirkt richtig besonnen
Von Thomas Gehringer
In totaler
Finsternis beginnt die Reise in ein besseres, sicheres Land.
Die Lkw-Tür schließt sich hinter den Flüchtlingen, die wie
Ware verfrachtet werden. Was hinter den Türen geschieht,
zeigt die Kamera nicht. Das Publikum sieht nur das bittere
Ende: 24 mit weißen Laken bedeckte Körper auf einem weiten,
schmutzigen Brachland in Duisburg. Allein der 17-jährige
Attila hat den Transport aus Tschetschenien überlebt.
Einer brutalen Schlepperorganisation das Handwerk zu
legen, das ist ein Fall für den Ex-Polizisten Schimanski
alias Götz George, ganz klar. Das finden auch die
Kripo-Beamten Hunger (Julian Weigend) und Hänschen (Chiem
van Houweninge). Nur Schimanski selbst winkt ab: „Das ist
eine Nummer zu groß für mich“, sagt er und später: „Wenn ich
mein Leben riskiere, dann ganz bestimmt nicht mehr fürs
Vaterland.“
Es ist ein kleines Jubiläum für Götz
George, der mittlerweile nur noch einmal im Jahr seine
Achtziger-Kultfigur aus dem Ruhrgebiet wiederbelebt: In
„Asyl“ (ARD, 20 Uhr 15) zieht er zum 40. Mal die
Schimanski-Jacke an, und natürlich riskiert er doch wieder
seine Haut. Das aber geschieht bemerkenswert unspektakulär,
nicht nur, weil auf unsinnige Actionszenen für einen in die
Jahre gekommenen TV-Ermittler verzichtet wird. Selbst die
Türen bleiben heil, denn Schimanski hat im elften Film seit
seinem Comeback 1997 wirklich keine Selbstironie mehr nötig.
Der Körper wird nur noch eingesetzt, wenn es die Handlung
erfordert: Mal schultert er einen verletzten Flüchtling, mal
leistet er sich ein kurzes und beherztes Zupacken gegen
einen neugierigen Besucher. Und wenn Schimanski selbst
Prügel bezieht, wird die Kamera abgeschaltet. Auch weil
Regisseur Edward Berger die „fragmentarische Erzählweise“
bevorzugt: „Das Publikum kennt Krimis und ihre Zutaten,
deshalb finde ich es spannender, wenn es einen Teil des
Puzzles selbst zusammensetzt. Man muss wirklich nicht alles
zeigen.“
So wirkt Schimanski, der früher wegen seiner
zuweilen rüpelnden, gewalttätigen Art umstritten war, heute
in einer Fernseh-Umgebung voller Actionserien geradezu
besonnen. Eine Umkehr der Verhältnisse, die auch Konstanz
hat: Schimanski bleibt eine Figur, die sich Trends locker
verweigern kann. Unverändert geblieben ist auch seine
Haltung, sein Eintreten für die
Schwachen.
„Schimanski steht in jeder Situation
glaubwürdig da. Er ist immer noch der aufregendste deutsche
Kommissar“, sagt Horst Vocks, der nicht nur für „Asyl“ das
Drehbuch schrieb, sondern auch für den allerersten
Schimanski-„Tatort: Ruhrort“ (1981) und noch weitere Folgen.
Wie in seinem Drehbuch für „Muttertag“ (1998), das im vom
Bürgerkrieg zerstörten Jugoslawien spielte, thematisiert
Vocks hier wieder die schrecklichen Folgen für die Menschen
in Kriegsgebieten. Schimanski und seine Partnerin
Marie-Claire (Denise Virieux) gewähren dem traumatisierten
Attila, eindrucksvoll gespielt von dem jungen Berliner
Sebastian Urzendowsky, wie selbstverständlich Unterschlupf.
Attila freilich kann perfekt Deutsch sprechen und
auf dem Ausländeramt sogar Matthias Claudius „Kriegslied“
rezitieren, was in Tschetschenien wohl eher
unwahrscheinlich, aber für einen Krimi im deutschen
Fernsehen ungeheuer praktisch ist. Schimanski, das Schicksal
Attilas vor Augen, verschafft sich als verdeckter Ermittler
Zugang zu der Schlepperorganisation und folgt einer etwas
verwirrenden und streckenweise tempoarmen Geschichte, die
nicht gerade optimistisch endet. Aber die Verhältnisse sind
eben nicht so, und sie waren es in den Schimanski-Filmen
noch nie.
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