Süddeutsche Zeitung (SZ) vom 10.12.2001

Weißer Herbst

Schimanski – Kinder der Hölle – ARD

Nicht jeder schafft es bis zum Standesamt, und dass dort Horst Georg Schimanski auftaucht und seinen Frack abklopft auf der Suche nach einem Paar Ringe, ist doch mindestens erstaunlich.

Einerseits. Denn Schimanski, dieser locker-lose Freier, ist seiner Persönlichkeitsstruktur nach, soweit man das als Zuschauer während der vergangenen 20 Jahre beurteilen lernte, wirklich kein häuslicher Mensch. Man müsste ihn künftig zum Einkaufen in den Supermarkt schicken, wo er nebenbei ein paar Gangster überführen könnte. Oder in eine Autowerkstatt befehligen, damit er den europaweit operierenden Rauschgiftring sprengte.

Andererseits ist Schimanski keine 40 mehr, und nicht mal er möchte alleine alt werden. In Kinder der Hölle macht er sich charmant mit seiner fortgeschrittenen Jugend vertraut. Wobei das bei ihm immer auch zur Auseinandersetzung mit seiner Lebensweise führt: Ein Computerbildschirm („Aus diesen Scheißmaschinen kommen nur Fälschungen heraus“) implodiert auf dem Flur des Kommissariats, in dem Kumpel Hänschen – nun ja – das Sagen hat. Und als ihm der Böse mittendrin entwischt, gesteht er: „Ich werde alt, senil und dämlich.“ So wurde Kinder der Hölle ein leiser, fast ruhiger Film. Was natürlich auch am Thema lag. Kinderprostitution lässt sich nicht mit der Dampframme beseitigen, obwohl Schimanski das manchmal gerne glauben möchte. Völlig klar, dass er Marie-Claire im Standesamt sitzen lässt, als Hänschens Mobiltelefon trällert und er vom gewaltsamen Tod der Stieftochter eines früheren Kollegen erfährt. Schnell taucht ein Belgier auf, der Laroc heißt, ins Gefängnis gesteckt und ordentlich vermöbelt wird.

Ach, der Belgier. Der ist ja nicht der Täter. Man ahnt es sofort. Götz George hätte keinem Drehbuch zugestimmt, in dem ein Belgier der gesuchte Kinderschänder wäre. Der Täter kommt aus der Familie, wie so oft. Es ist der einstige Freund und Weggefährte, der pensionierte Kripobeamte Keller. „Erkläre es mir“, schreit Schimanski. Aber es gibt nichts, was der Perverse zu erklären hätte. „Die kleinen Frauen sind sehr gefährlich“, sagt er. Seine Frau, die Mutter des missbrauchten Mädchens, verzweifelt an der Erkenntnis, dass sie besser hingeschaut hätte.

Es ist bestimmt nicht so, dass Götz George mit seiner Mannschaft (Denise Virieux, Chiem van Houweninge, Julian Weigend) der Wirklichkeit etwas abgeschaut hat, was es im Fernsehen nicht schon gab. Aber Kinder der Hölle ist sehr gutes Fernsehen. Das liegt zum einen am Geld, zum anderen am Drehbuch, und warum es nur noch einen Schimanski im Jahr gibt, liegt damit auf der Hand.

Regisseur Edward Berger hat jedenfalls die Perspektive gefunden, aus der Horst Georg Schimanski künftig zu sehen sein wird. Am Ende steht er wieder im Standesamt.

CHRISTOPHER KEIL

© Süddeutsche Zeitung


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