| Süddeutsche Zeitung (SZ) vom 8.4.2000
Horst im Herbst Schimanski wird alt, aber verblassen darf er nicht. Götz George und die jüngsten Dreharbeiten an einem deutschen Mythos Es kann sein, dass Horst Schimanski beim Nachladen seiner Knarre bald eine Brille braucht. Der Mann wird älter, keine Frage, brummt Götz George, das mit der Brille ist nicht abwegig. Man muss dazu sagen, dass George, der normalerweise ein ernstes Temperament mit sich herum trägt (und manchmal trägt er wirklich schwer daran), ausgerechnet jetzt lächelt. Und sagt: Logisch, nicht wahr? Dass auch Horst Schimanski mal ein alter Kacker wird. Pause. Aber wenn alles mit rechten Dingen zugeht, dann wird Horst Schimanski zu einem alten Kacker mit Würde. Dann hat alles seine Ordnung. George arbeitet hart daran. Er arbeitet immer hart an den Sachen. Bis die Sachen ihre Ordnung haben. Manche von denen, die ihn kennen, sagen: bis die Sachen seine Ordnung haben. Im Moment rutscht er ganz tief in das wuchtige Sofa eines Kölner Hotels, verschränkt die Arme, bläst die Backen auf und ist ein störrischer kleiner Junge: Ich muss den Horst nicht geben, nein, meine Lieben, nein, meine Lieben. Aber sagen Sie mir mal, wieso ich mich bockig stellen soll, wenn ein gutes Drehbuch dabei ist? Los, sagen Sie! Der kann sich aufregen. Allerliebst. Und doch hält sich Götz George mit seinem Zorn nicht mehr so lange auf wie früher. Ich muss mich für nichts erklären, sagt er, es gab früher gute und schlechte Schimanskis, es gibt heute gute und schlechte Schimanskis. Aber wir drehen nicht Schimanski, weil ihn keiner sehen will! Oder? Nie wollte Götz eins sein mit Horst. Nie, nie, nie. Aber er hat ihn lieb gewonnen in den letzten 20 Jahren und schaut jetzt manchmal so, als ob er sich dafür ein bisschen schämt. Hat schon viel famosere Rollen gespielt, aber keine so unmittelbare. Gemaule hin, Gemaule her: Viele haben ja den Schimanski lieb. Vielleicht liegt es an der Heimkind-Attitüde, dass man den eher in als auf den Arm nehmen will: der tritt Türen ein und kommt doch immer zu kurz. Damals, Schimanski und Thanner, an der Frittenbude: Schimanski: Hast du du noch ein paar Pommes für mich? Thanner: Nein. Du hast die gleiche Menge wie ich gehabt. Für zwei Mark. Schimanski: Ich ess aber nun mal schneller als du. Ich war ja auch ein Heimkind. Komm, gib mir noch ein paar Pommes. Thanner: Nein. Du musst lernen, mit dem auszukommen, was du hast. Schimanski: Oh Mann, den Spruch kenn ich. Das hat man mir schon als Kind beigebracht. Was soll ich denn machen, wenn ich Hunger hab? Thanner: Bitte. Nimm sie alle! Thanner ist tot. Weil Eberhard Feik tot ist. Schlimm genug. Heimkind Schimanski darf nicht sterben. Lieber die Angst, dass er verblasst, als die Gewissheit, dass er drauf geht. ARD-Programmdirektor Günter Struve sagt: Der darf keine brennenden Mülleimer mehr durch die Gegend werfen. Und der sollte Türen nicht eintreten, sondern mit der Hand aufmachen. Wenn er das alles beherzigt, sollte er allerdings noch 30 Jahre weitermachen. George weiß das: Mit etwas Selbstironie kann der auch noch aus dem Rollstuhl mosern. Horst hatte schon immer Witz, den muss man nicht erst erfinden. Und die Physis? Körperlich muss der Schimanski bleiben, sogar im Rollstuhl. Aber Theatralik ist das Schlimmste, Theatralik im Alter ist sogar das Allerschlimmste. Götz George sitzt in Jeans und Lederjacke am Teetisch im Hotelsalon. Tags zuvor war drehfrei, da ist er mit seinem Rennrad 80 Kilometer durch den Regen gefahren. Er ist 61 Jahre, und dass man ihm die nicht ansieht, ist noch stark untertrieben. Er gibt den Horst nur noch, wenn man ihn ködert. Ein gutes Drehbuch, ein guter Gegenpart, das sind so die Sachen. Dann ist es wie mit dem Tauchen, wie mit dem Rennradfahren: Einsatz bis der Kessel pfeift. Wird ein Projekt aus irgendeinem Grund besonders schwierig oder spannend, geht nervöses Gescharre los, Unruhe, Schlaflosigkeit kein Auge zugemacht, wegen der Szene, die wir heute drehen, das geht ja im Kopf vorher rauf, runter, rauf, runter. Die Sache mit Christiane, sagt er, die ist wunderbar, das ist der Kick. Die Sache mit Christiane. Er hat in diesen Wochen an Rhein und Ruhr eine Dame an seiner Seite, die hat ihm in Helmut Dietls Schtonk ein Brot mit Marmelade an die Backe geworfen. Und dem Begriff Schmallippigkeit für die Ewigkeit ein gültiges Damengesicht gegeben. Im Hotel-Sessel gegenüber sitzt also Christiane Hörbiger, die neben George in der neuen Folge Schimanski muss leiden (die im Herbst in der ARD zu sehen sein wird) die Hauptrolle spielt. Sie verlieben sich ineinander Prolo und Madame und das Schöne ist unter anderem, dass sie in einer Szene eine klemmende Tür, die er normalerweise eintreten würde, durch einen kecken Schubs mit dem Po öffnet. Das wird Herrn Struve gefallen. Auch abseits der Dreharbeiten sind die beiden eine kleine Show. Hörbiger: Liebes bisschen, Götz! 80 Kilometer mit dem Fahrrad durch den Regen! Na, herzlichen Glückwunsch! George: Ja, so eine Scheiße, Du. Sie sagt über ihn: Der kommt über die Schwerstarbeit zur Leichtigkeit. Der kann nicht nur seine Rolle auswendig, der kann alle Rollen auswendig. Er sagt, er verehre sie seit Jahrzehnten. 1966 oder 1967 habe er sie in Kabale und Liebe gesehen in Wien, in Zürich, weiß der Teufel, Kinder, wie die Zeit vergeht und völlig verstört das Theater verlassen. Und mit Verlaub, ich wars doch selbst, der sie dem Dietl für Schtonk eingeredet hat, da in seinem Lokal in München im Romana Dingens. Für die Rolle der Göring-Nichte Freya von Hepp habe Dietl die Knef auf der Liste gehabt: Aber ich wusste, das musste die Christiane machen. Diesmal heißt sie nicht Freya von Hepp, sondern Simone Popp und sie wird den Verdacht nicht los, dass Schimanski-Drehbuchautor Michael Klaus sich bei dem Namen Popp nach Hepp etwas gedacht hat. Zufällig werden Simone Popp und Schimanski Zeugen eines Mordes, nehmen die Verfolgung auf, geraten in den Strudel einer deutsch-türkisch-kurdischen Polit-Story. Der junge Regisseur Matthias Glasner verfilmt das mit wenig Kunstlicht und bewegungsreicher Kamera. Gewackelt hat es in den Schimanski-Folgen schon immer. Aber die Geschichten sind heute vertrackt und melancholisch geworden. Früher war das einfacher: Schimanski, die Ein-Mann-Antithese zum Lackaffen-Deutschland, an dem die Konservativen zu bauen begannen. 1981 ging der los: Schimanski mit Schmuddelfrisur in Schmuddelwohnung, die Pfanne für die Spiegeleier auch schmuddelig, also haut sich Horst die Eier roh ins Glas und würgt sie runter. Der Schmuddelkommissar, jammerte die Welt. Sollte sie ja auch. Und heute? George sagt, der Schimanski ist nicht mehr eine so klar definierte Figur, der ist kein Bulle mehr, der will auf seinem Hausboot bleiben, der will Ruhe. Nun setzt die Staatsanwaltschaft ihn immer so halblegal ein: eine Figur aus der Grauzone. Ist das o.k. so? Für mich oder für Schimanski? fragt George. Rührende Frage. Für den Schimanski sei das kaum o.k., weil der mit Zwischenlösungen und Grauzonen mentalitätsmäßig Probleme habe: Mal ehrlich: Horst ist redlich im Kern, aber halt auch ein bisschen bekloppt. Und für ihn, George? Wir haben damals mehr Schwarz-Weiß-Beziehungsgeschichten in die Drehbücher reingeschrieben. Heute macht man aus Schwarz-Weiß-Beziehungsgeschichten Talkshows und Reality-Soaps. Die Nachmittags-Talkshows, den Reigen quakender Verzweiflungsexistenzen, guckt er sich gelegentlich an: Zynisch, aber hervorragendes Lehrpersonal für einen Schauspieler. Unbezahlbar. Man sieht und hört viel bei Dreharbeiten, aber nicht aus dem Film. An einem Tag fällt Simone Popp eine Pistole aus der Handtasche, und Schimanski guckt so enttäuscht wie nur Schimanski enttäuscht gucken kann. An einem anderen Tag drückt George das Gesicht des jungen Schauspielers Alexander Beyer in einem Kaffeehaus in eine Kirschtorte. Wenn das ganze Filmteam ankommt, war George meist schon mal da. Tags zuvor tigert der Schauspieler am Drehort entlang, schreitet Wege ab, zählt Sekunden, grübelt, wägt ab, stuft ein. Bis alles seine Ordnung hat. Brillanz hin, Brillanz her, Arbeit muss sein. Über den Schwerarbeiter Götz George schreibt Dominik Graf in dem Buch Horst Schimanski (Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf), dieser habe die schauspielerischen Qualitäten des Vaters weitergeschmuggelt: Er hatte die Erbfolge seines Vaters Heinrich George . . . angetreten, und hinter den Gesichtern dieses gewaltigen Patriarchen war ja oft eine Ahnung der Ur- und Frühgeschichte Preußens zu sehen gewesen. Es ist trotzdem seltsam, zu beobachten, wie den Preußen George inzwischen ein laissez faire umweht, das viele an ihm so nicht kannten. Zwar erklärt der immer noch vor jeder Szene, warum wann wer wie gucken muss. Aber wenn Regisseur Glasner sagt Ich will das trotzdem andersrum, stockt und lächelt George, und sagt: Dann mach du mal, jetzt bin ich aber gespannt. Womöglich liegt es daran, dass er mit seinem Horst den Deutschen nicht mehr die Welt erklären muss. Wenn alles gut geht, werden die Älteren die würdevolle Reifung des Heimkindes zum alten Kacker weiter begleiten. Und ihm in Gedanken mal ne Tüte Pommes rüberschieben. So wie Thanner damals. Und die Jüngeren? Drei Jungs so um die 15 Jahre stehen am Set in einem Einkaufszentrum in Köln-Chorweiler und gucken cool. Was wird denn hier gedreht?, fragt einer. Schimanski, sagt die Aufnahmeleiterin. Die drei müssen sehr lachen. Dann sagt einer der Jungs: Schimanski ist aber ein echt komischer Name. 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