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Süddeutsche Zeitung vom 6.11.1999
Der Mensch im Bullen Schimanski und die allgemeine Gemeinheit, nächste Folge Ein Mann und eine Frau in einem Auto älteren Semesters, unterwegs auf einer einsamen Landstraße am frühen Morgen. Nirgendwo Farben, die Welt ist graublau noch und kalt. Die Frau friert, die Frau schläft, der Mann deckt sie mit seiner Jacke zu; müde ist auch er, aber er fährt. Schmachtende Musik dazu, One Love, One Life, ach, das Leben könnte der Liebe dienen, doch es ist eine offensichtlich gefährliche Fahrt ins Ungewisse. Die Frau wird sterben. Der Mann wird es nicht verstehen, zunächst nicht und im Grunde überhaupt nicht. Nicht, dass diese Szene inhaltlich auf den ersten Blick überaus wichtig wäre – Schimanski befördert die blonde Olga von Frankreich nach Duisburg, weil sie ihm behilflich sein könnte bei der Aufklärung eines Falles, mit dem er offiziell überhaupt nichts zu tun hat. Olga wollte nicht mit, Schimanski hat sie auf seine Weise gezwungen, und nun reden sie unversehens über die Sehnsucht nach – tja eben, wonach denn eigentlich? Wenn man’s wüßte. Zwei Sätze, dann Schweigen; eine verhältnismäßig besinnliche und emotionale Szene in dieser von Hajo Gies inszenierten Schimanski-Folge, die Sehnsucht heißt und es an splitternden Türen, blutenden Wunden und starken Sprüchen ansonsten natürlich nicht fehlen lässt. Und doch, und deswegen: eine Szene dieser ganz besonderen Sorte, nicht mehr grell, noch nicht übermäßig pathetisch, einer dieser vielen ganz kleinen Hinweise auf den Menschen in Götz Georges ewigem Bullen. Abermals hat’s der Mann alles in allem nicht leicht, er gerät in eine hochkomplizierte Geschichte, die mit einem kleinen Ganoven aus Schimanskis Vergangenheit als Kommissar beginnt und in höchsten Kreisen enden würde, wenn sie es denn täte – sie hört aber nur für den kreuzkranken Helden auf, indem er schließlich wieder vorsichtig zur Freundin ins Bettchen auf dem belgischen Hausboot kriecht. Auftrag erledigt? Es gab keinen; eine moralische Verpflichtung wider alle Zuständigkeit hatte ihn aus dem Ruhestand gezwungen. Täter gefasst? Derart einfach ist das schon lange nicht mehr; all das Jagen, Rasen, Schlagen, Fluchen mündet bloß noch in ein ziemlich trauriges Bild: „Damit bringe ich sie vor Gericht“, sagt Schimanski – sie aber, die er einbuchten will, steht längst mit dem falschen Geständnis des unschuldig Verfolgten weit über ihm und grinst. So war das ansatzweise schon immer, aber es wird zusehends schlimmer: hier der Kämpfer, kein Denker, aber ein Guter – dort die kleinen und großen Missstände, in dener er sich lautstark verheddert. Da hilft kein neuer Kollege vom LKA (Julian Weigand), der eine Art Karikatur des jungen Schimanski ist, und auch die Wiederbelebung Hänschens (Chiem van Houweninge) ist nur eine so sentimentale wie ironische Reminiszenz an ehedem. Schimanski wird älter, die Welt bleibt gemein, das Gute hat keine Chance, also nutzen wir sie. Sehnsucht: Damit hat sich’s mit Schimanski für dieses Jahr, mehr Folgen gaben die Drehbücher nicht her. Schade eigentlich, sehr schade. MICHAEL KNOPF © Süddeutsche Zeitung [ Homepage ] |