Süddeutsche Zeitung vom 15.9.1999

„Meine Triebfeder ist die Angst"

Der Schauspieler Götz George im SZ-Interview – über Josef Mengele, Horst Schimanski, Karl May und über seinen Kampf mit der Öffentlichkeit

AUSZÜGE

... Herr George, man kann den Eindruck gewinnen, Sie wollten schon lange lieber andere Rollen spielen als die, die Sie gespielt haben. In den 80er-Jahren wehrten Sie sich heftig gegen das Ihnen angedichtete Schimanski-Image. Wollen Sie mit dem Mörder Haarmann, dem Sandmann oder jetzt der historischen Schreckensfigur Mengele Ihr altes Image killen?

Absoluter Quatsch! Wieso wird man eigentlich immer falsch verstanden, wenn man nicht nur auf eine Kommissarsfigur reduziert werden will. Wissen Sie was? Ich spiele alle diese Menschen, weil es mir Spaß macht. Ich hatte vor einigen Jahren einen schlimmen Unfall. Es ist ein Wunder, dass ich mich wieder normal bewegen kann. In solchen Momenten fragt man sich, was hat man gemacht und was will man noch machen. Ich bin 61 Jahre alt und Schauspieler. Also möchte ich alle Typen spielen, die mich, auf die eine oder andere Art, faszinieren. Das ist mein Beruf. Wieso soll ich Schimanski killen? ...

Welche Einwände hatten Sie gegen Schimanski?

Der Ur-Schimanski war nicht Kommissar, sondern schon Oberkommissar. Und er trug Krawatte. Der ging schon in die etwas prollige Richtung, aber mit Krawatte. Also habe ich mir die Kommissare in Duisburg angeguckt. Und die liefen so nicht ’rum. In einem Army-Shop habe ich dann eine Schaufenster-Puppe mit der beigen Jacke gesehen und dem Regisseur Hajo Gies gesagt: „Guck Hajo, so muss der Schimanski aussehen!“ Dann hatten wir eine Riesendiskussion in meinem Wohnzimmer. Da saßen zwei Regisseure, der Produzent und ich. Wir haben uns die Köpfe bis in die Nacht heiß gequasselt, fortwährend ging es um die Jacke – eine Grundsatzdiskussion wie 1968. Die haben gesagt: „Das geht nicht mit der Jacke!“ Ich habe gesagt: „Das geht nur mit der Jacke!“ Ich wollte nicht der soundsovielte Kommissar im Anzug und Krawatte sein oder der soundsovielte in schwarzem Leder: Ich wollte diese Jacke. Da gab es kein Zurück mehr.

Am 7. November kommt der nächste Schimanski in der ARD. Lieben Sie den Typen?

Ich liebe diesen Typen. Vorausgesetzt die Bücher sind gut. In der letzten Staffel hatten wir bessere und schlechtere Bücher. Wenn die Bücher gut sind, ist der Schimanski eine großartige Figur, ehrlich, kompromisslos und mit mehr Selbstironie ausgestattet, als viele wahrhaben wollten und wollen. Er ist ein Antityp, aber ein guter Antityp. So einem verzeihen Sie, wenn er mal im Wohnzimmer pupst.

Und er war in Deutschland lange diejenige Oppositionsfigur zu Kohl, die es in der Politik nicht gab.

Das war er wohl, ja. Und auch in Zeiten der sogenannten Neuen Mitte gehört er nicht zu den Regierenden. Ganz bestimmt nicht ...

Sie pflegen mitunter einen rauhen Umgang mit Journalisten. Einen Kollegen, der Sie auf einer Pressekonferenz aus Nervosität mal mit „Herr Schimanski“ angesprochen hat, haben Sie regelrecht versenkt. Wieso fehlt Ihnen da die Gelassenheit? Sie haben doch alles erreicht.

Nein, nein, da geht es ums Prinzip. Wenn mich der Portier hier im Hotel oder ein Taxifahrer in Duisburg mit „Herr Schimanski“ begrüßt, freut einen das. Aber ich gehe gut vorbereitet zum Drehort, wieso geht ein Journalist nicht gut vorbereitet zu einer Pressekonferenz? Das hat doch mit Nervosität nichts zu tun. Gehe ich morgens zum Set und sage: „Kinners, watt steht denn an? Ich habs Drehbuch nicht gelesen!“ Auf diesen Pressekonferenzen wollen die dann, dass ich im Schimanski-Stil antworte. Da kann ich dann nur sagen: „Schimanski hat wieder zwei Tage nix gegessen, nur Bier getrunken. Jetzt isser wieder Knülle und hat eine Scheißlaune!“ Ich kann das Spiel ja mitspielen. Aber ist das nicht albern? Ist das Journalismus? ...

Herr George, es gefällt Ihnen ja vielleicht nicht, aber wissen Sie, an wen Sie einen im Laufe so eines Gesprächs erinnern?

Sagen Sie!

An Horst Schimanski.

Nun ja. Offenbar ist der Mann ein Teil von mir geworden. Aber auch nur ein Teil. Schauen Sie mal: Wir sitzen hier seit drei Stunden auf der Couch. Seit drei Stunden versuche ich, mich zu erklären. Horst quatscht nicht so viel. Horst wäre schon lange ein Bier trinken gegangen!

Interview: Alexander Gorkow

© Süddeutsche Zeitung


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