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Süddeutsche Zeitung vom 24.10.1998
Das Weltböse wabert Am Sonntag: „Muttertag“ – der erste von drei neuen Schimanski-Feldzügen Niemand klopft, niemand sagt: Treten Sie ein – aber es tritt trotzdem Schimanski ein, nämlich die Tür. Der Mann scheint eines genetischen oder anderweitigen Defekts wegen nicht in der Lage zu sein, auf halbwegs gängige Art aufzutreten: Es kracht und splittert, ein großes Rumoren kommt über uns und ein Satz fällt, der in unfeineren Kreisen noch lange zitiert werden wird: „Wenn Sie in Rente gehen, haben Sie so einen krummen Rücken, daß Sie sich selbst einen blasen können.“ Alles klar also. Dort buckelnde Bürokraten, hier der aufrechte Held in seinem Kampf gegen das Weltböse von Duisburg (schon immer) bis Bosnien (neu). Man hat viel herumgegrübelt vor einem Jahr, als Götz George seine alte Jacke wieder anzog, zwar nicht als Tatort-Kommissar wie von 1981 bis 1991, aber als Schimanski weiterhin, der in Belgien lebt und für die ganz besonderen Einsätze hin und wieder reanimiert wird. Darf er das? Muß er? Ist die Zeit nicht vorbei, in der ein deutscher Polizist noch revolutionär war, wenn er ein weichherzig-brutaler Prolet war? Egal. „Die Figur ist zeitlos“, sagte Götz George, und die Quoten waren gut. Nun die nächsten drei Filme. Anspruchsvoll gemeint Die Tür splittert, weil Schimanski mit den Modalitäten seiner Gehaltsauszahlung nicht ganz zufrieden ist – von diesem Auftakt ist es dann nur noch ein kurzer Weg bis ins gewesene Jugoslawien, wo die Folgen des Bürgerkriegs auf sehr drastische Art zu besichtigen sind. Gnadenlose Brutalität, eiskalte Rache, Massengräber, Angst, verschwimmende Grenzen zwischen Gut und Böse; nur einer kann hier im Namen der Gerechtigkeit aufräumen, auch wenn sich im nachhinein wieder herausstellt, daß es außer ihm niemandem um Gerechtigkeit geht. Das ist die Folge Muttertag: ein anspruchsvoll gemeintes Unterfangen von Horst Vocks (Buch) und Mark Schlichter (Regie), das uns die Kriegsgreuel jenseits aller Nachrichten nahebringen will. Soweit klappt das auch, es ist alles furchtbar schlimm – nur besteht die von Tatorten bekannte Gefahr, daß ein mit allzuviel Aufklärungsabsicht vollgepumpter Krimi vor Bedeutung kaum noch laufen kann. Bei Schimanski kommt im Falle solchen Ernstes hinzu, daß der alte Haudegen wie eine Karikatur seiner selbst wirkt: hängt melodramatisch am Hubschrauber über dem Minenfeld und ist doch bloß komisch, aber unfreiwillig. Hajo Gies, „Schimmis“ Miterfinder, wählt als Regisseur von Rattennest die andere, seine Methode, die man an der leichten Hand und vor allem am ironischen Filter erkennt. So funktioniert das auch jetzt noch: Es kracht und splittert, Schimanski poltert und flucht – aber es ist, als zitierte er wissentlich die Vergangenheit; es ist witzig, nicht peinlich. Und wenn er seine Duisburger Wohnung voller Ratten und jugendlicher Streuner vorfindet, ergibt das ein sehr einleuchtendes Bild: Alles ist vorbei, doch Schimanski ist noch da. Er muß sich gar nicht unbedingt um Bosnien kümmern, damit wir uns darüber freuen. Mit dem Auto in die gläserne Eingangshalle des Großkonzerns brettern – das genügt vollkommen. MICHAEL KNOPF
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