Süddeutsche Zeitung (SZ) vom 25.6.2005

Das Lied der Prärie

Auf dem Weg zur Erlösung: Der neue „Schimanski“ ist düster, minimalistisch und fühlt sich nach Western an

Okay, er schmeißt kaum noch brennende Mülleimer durch die Gegend, er macht Türen jetzt auch mal mit der Hand auf, statt sie einzutreten, und er sagt nur, wenn es unbedingt sein muss, „Scheiße“. Aber stimmt es wirklich, dass Horst Schimanski mit den Jahren abgeklärter wurde, gar altersmilde? Ist es nicht vielleicht eher so, dass man diese Figur nie ganz durchschaut, womöglich nicht einmal als Drehbuchautor und nicht als Zuschauer und auch nicht, wenn man Götz George heißt?

Mit Typen wie ihm wird man so schnell nicht fertig. Schimanski ist eine deutsche Marke, wie der VW-Bus oder Gletscherprise-Schnupftabak, und so wie Marken höchstens mal variiert, renoviert, umdekoriert werden, gilt auch für Schimanski: Die Grundformel muss unangetastet bleiben! Sonst geht im schlimmsten Fall die ganze Marke den Bach runter.

Worin unterscheidet sich also das 2005er-Schimanski-Modell von der letztjährigen Auflage? Nun, da ist zunächst der Schnurrbart. Er ist zirka 0,5 Zentimeter schmaler und zirka 0,7 Zentimeter kürzer. Außerdem hört Schimanski neuerdings im Auto Musik – wenn man genau aufpasst, bemerkt man: Es ist eine Kassette mit französischen Chansons. Kleinigkeiten? Ja, aber genau darauf kommt es an. Es sind die Details, Nuancen, Minimalabweichungen, die den Fall – über das rein Kriminalistische hinaus – spannend machen.

Was macht Gott?

Wobei man sagen muss, dass Schimanski-Filme längst auch Liebesfilme sind und Buddy-Filme – die Frage, wie er sich aktuell mit seiner kapriziösen Freundin Marie-Claire versteht und wie mit seinem bräsigen Kumpel Hänschen, ist mindestens genauso wichtig wie die Suche nach dem Mörder. Erst hat sich die Serie nur vom Tatort emanzipiert, dann vom Krimi-Genre insgesamt.

Diesmal geht es um Sünde, Schimanski ermittelt im fundamentalistisch-christlichen Milieu. Das ist neu und hat Reiz. Denn er und Religion – das passt in etwa so zusammen wie Nutella und Fischsuppe. „Woran glauben Sie eigentlich?“, wird Horst Schimanski einmal gefragt, und er antwortet, ohne nachzudenken: „An Bier und an Frauen!“ Da atmet man erleichtert auf: Er ist – Abgeklärtheit hin, Altersmilde her – noch der Alte.

Es beginnt mit einem Autounfall. Schimanski hat Streit mit seiner Marie-Claire, setzt sich in den Wagen, fingert am Kassettendeck herum, fährt in den Graben – was Frauen und französische Chansons alles anrichten können. Ein Waldschrat (Christian Redl) leistet Erste Hilfe. Der Waldschrat, stellt sich dann heraus, ist ein verurteilter Mörder. Und er ist auf der Flucht vor der Polizei.

Schimanski, der immer schon ein Problem mit Dogmen und fest gefügten Wahrheiten hatte, will nicht glauben, dass dieser Mann wirklich seine Frau aus Eifersucht erstochen hat. Als Tatverdächtiger kommt auch dessen 17-jähriger Sohn (Sergej Moya) in Frage – aber auch der erweist sich dann als wenig auskunftsfreudig.

Der störrische Teenager und der dickschädlige Ex-Kommissar – das ist ein lustiges Paar. Und trotzdem ist dieser Schimanski der düsterste seit langem. Die meisten Szenen spielen nachts, in kleinen Zimmern – das passt zum kleingeistigen, engherzigen Milieu der Geschichte. Letzte Fragen müssen geklärt werden: Was ist Sünde? Gibt es Erlösung? Und: Was macht Gott?

Das Faszinierendste an dieser Reise zum Licht, zur Wahrheit, ist aber wieder Götz George. „Ich glaub’, Sie sind so ein verhinderter Westernheld, der an das Gute im Menschen glaubt“, sagt der Junge zu ihm, während die beiden in einer mondbeschienenen Landschaft stehen, die tatsächlich ein bisschen nach Prärie aussieht. Und George zieht die Augenbrauen hoch, was nicht nur cool aussieht, sondern auch alles sagt. Diese Zurückgenommenheit, diese Präzision – das kriegen im deutschen Fernsehen nur wenige hin. In seinen besten Momenten ist dieser Schimanski wie Kino. Fast so gut wie Clint Eastwood.

Dass der Cowboy zwischendurch auch mal jammert, weil seine Stiefel nass sind – seltsam. Aber auch das passt ins Bild. Man durchschaut ihn nach 24 Jahren immer noch nicht, diesen Horst Schimanski. Man wird einfach nicht mit ihm fertig.

OLIVER FUCHS

© Süddeutsche Zeitung


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