Es waren wilde Jahre, in denen sich Schimanski durch den Ruhrpott
prügelte. Oft waren Nutten seine Freunde. Kinder hat er immer
ernster genommen als jeder andere deutsche Ermittler. Seine
väterlichen Gefühle hat er wie das meiste nicht versteckt, sie
betonten das Widersprüchliche in seinem Charakter. Und als Thanner
noch bei ihm war, sein grundsätzlich bürokratiehöriger Partner,
betonte auch der den Unterschied: Horst Schimanski machte sich das
Leben schwer, meistens auf Kosten seiner Dienststelle, hin und
wieder zu Lasten der Menschen, die er beschützen und retten wollte.
Dieser Hauptkommissar passte in keine Behörde, in keine Kirche und
keine Gemeinschaft. Obwohl er sich nach Geselligkeit sehnt – wie man
aus den Gelagen schließen darf, die er sich gerne auch im Milieu
leistete –, löst er Probleme immer nur allein.
Inzwischen lebt er wie viele in seiner Situation im Vorruhestand,
auf dem Hausboot seiner Lebensgefährtin. Als man ihn vor einem Jahr
auf dem Standesamt sah mit Marie-Claire, was bekanntlich nicht zur
Trauung führte, musste das Schlimmste angenommen werden. Aber sie
hat ihn nicht verlassen. Marie-Claire und Horst Schimanski sind ein
Paar geworden, und es deutet sich an, dass es ihm diesmal ernst ist.
Ihr sowieso.
Asyl heißt der Fall, in den er sich verwickeln lässt, weil ihm
Attila begegnet. Attila hat seine Heimat verlassen, Tschetschenien.
Dort wird bis heute Krieg geführt, was leicht vergessen wird. Die
Russen haben Attilas Mutter erschossen. Sie war Deutsche, weshalb
Attila ein Gedicht von Matthias Claudius vortragen kann, was dem
Beamten sehr imponiert, der den Flüchtlingsaufenthalt genehmigt.
Tschetschenien verlässt man nur gegen sehr viel Geld, illegal und
in einem verschlossenen Lkw-Container. Attila überlebt die
Deportation – als einziger. Hänschen und Hunger schleusen Schimanski
in die Mörderbande. Attila kennt den tschetschenischen Paten, der
seine Tochter mit dem Führer der Albaner verheiraten möchte. Auch
die Unterwelt vermählt ihre Dynastien. Am Ende sind die für den
Containertod Verantwortlichen erschossen oder überführt, und
Schimanski holt Attila aus Tschetschenien zurück, wohin der floh auf
der Suche nach Wurzeln und Identität. Regisseur Edward Berger hat
zum Thema die passenden Bilder geschaffen: Immer eine Totale, die
die Angst der Flüchtlinge und die Hilflosigkeit der Helfer
ausdrückt.
Götz George, Denise Virieux, Chiem van Houweninge und Julian
Weigand sind ein Ensemble geworden. Sie sind weniger abhängig von
den Stoffen, weil sie als Schauspieler funktionieren, was nicht
bedeutet, dass sie nicht nach dem besten Drehbuch suchten.
Vielleicht hatte George eine Zeit, in der er mit Schimanski kämpfte.
Doch nun hat er ihn ins Alter gerettet, und das ist so, als ob ein
erfolgreicher Sportler seine Größe nach dem Ende seiner
Profikarriere bewahrt. Schimanski muss nicht mehr brüllen und
schlägern, er ist kontrollierter und verlässlicher. Er kommt von der
Arbeit, seine Freundin staubsaugt, und er sagt: „Ich liebe dich.“
Mehr gibt es manchmal nicht zu sagen.
CHRISTOPHER KEIL
Schimanski, ARD, Sonntag, 20.15
Uhr