Samstag, 7.12.2002



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Von Liebe und Angst

„Asyl“ – Götz George rettet „Schimanski“ ins Alter


Es waren wilde Jahre, in denen sich Schimanski durch den Ruhrpott prügelte. Oft waren Nutten seine Freunde. Kinder hat er immer ernster genommen als jeder andere deutsche Ermittler. Seine väterlichen Gefühle hat er wie das meiste nicht versteckt, sie betonten das Widersprüchliche in seinem Charakter. Und als Thanner noch bei ihm war, sein grundsätzlich bürokratiehöriger Partner, betonte auch der den Unterschied: Horst Schimanski machte sich das Leben schwer, meistens auf Kosten seiner Dienststelle, hin und wieder zu Lasten der Menschen, die er beschützen und retten wollte. Dieser Hauptkommissar passte in keine Behörde, in keine Kirche und keine Gemeinschaft. Obwohl er sich nach Geselligkeit sehnt – wie man aus den Gelagen schließen darf, die er sich gerne auch im Milieu leistete –, löst er Probleme immer nur allein.

Inzwischen lebt er wie viele in seiner Situation im Vorruhestand, auf dem Hausboot seiner Lebensgefährtin. Als man ihn vor einem Jahr auf dem Standesamt sah mit Marie-Claire, was bekanntlich nicht zur Trauung führte, musste das Schlimmste angenommen werden. Aber sie hat ihn nicht verlassen. Marie-Claire und Horst Schimanski sind ein Paar geworden, und es deutet sich an, dass es ihm diesmal ernst ist. Ihr sowieso.

Asyl heißt der Fall, in den er sich verwickeln lässt, weil ihm Attila begegnet. Attila hat seine Heimat verlassen, Tschetschenien. Dort wird bis heute Krieg geführt, was leicht vergessen wird. Die Russen haben Attilas Mutter erschossen. Sie war Deutsche, weshalb Attila ein Gedicht von Matthias Claudius vortragen kann, was dem Beamten sehr imponiert, der den Flüchtlingsaufenthalt genehmigt.

Tschetschenien verlässt man nur gegen sehr viel Geld, illegal und in einem verschlossenen Lkw-Container. Attila überlebt die Deportation – als einziger. Hänschen und Hunger schleusen Schimanski in die Mörderbande. Attila kennt den tschetschenischen Paten, der seine Tochter mit dem Führer der Albaner verheiraten möchte. Auch die Unterwelt vermählt ihre Dynastien. Am Ende sind die für den Containertod Verantwortlichen erschossen oder überführt, und Schimanski holt Attila aus Tschetschenien zurück, wohin der floh auf der Suche nach Wurzeln und Identität. Regisseur Edward Berger hat zum Thema die passenden Bilder geschaffen: Immer eine Totale, die die Angst der Flüchtlinge und die Hilflosigkeit der Helfer ausdrückt.

Götz George, Denise Virieux, Chiem van Houweninge und Julian Weigand sind ein Ensemble geworden. Sie sind weniger abhängig von den Stoffen, weil sie als Schauspieler funktionieren, was nicht bedeutet, dass sie nicht nach dem besten Drehbuch suchten. Vielleicht hatte George eine Zeit, in der er mit Schimanski kämpfte. Doch nun hat er ihn ins Alter gerettet, und das ist so, als ob ein erfolgreicher Sportler seine Größe nach dem Ende seiner Profikarriere bewahrt. Schimanski muss nicht mehr brüllen und schlägern, er ist kontrollierter und verlässlicher. Er kommt von der Arbeit, seine Freundin staubsaugt, und er sagt: „Ich liebe dich.“ Mehr gibt es manchmal nicht zu sagen.

CHRISTOPHER KEIL

Schimanski, ARD, Sonntag, 20.15 Uhr


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