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Süddeutsche Zeitung vom 08.11.1997
Götz von Duisburg Am Sonntag um 20.15 Uhr beginnt eine neue Zeit, nämlich die alte: George holt "Schimanski" zurück Fragt der Reporter des kleinen Ruhrgebiet-Radios den großen Götz George: "Könnten Sie im Schimanski-Stil erklären, was Sie die letzten sechs Jahre gemacht haben?" Herrje! Da ist der arme Mann aber so sehr an den Falschen geraten, daß man in seiner Haut jetzt wirklich nicht stecken möchte. Götz George lehnt an seinem Stehtisch. Bleibt ruhig. Holt Luft. High Noon in Duisburg, Landschaftspark Nord; zwei lange Sekunden, drei, dann wirft er die gefährlich leise pfeifenden Wortmesser: "Das ist mir zu dämlich." (Treffer.) "Sie müssen als Journalist schon verfolgen, was ich mache." (Treffer.) "Und ich kann hier keine Märchen im Schimanski-Look erzählen. Nächste Frage; die war dämlich." (Versenkt.) Nächste Frage also: Ist Götz George, um nun doch im Schimanski-Stil zu reden, ein arroganter Arsch? Oder ein großer Schauspieler (was mitunter ja durchaus dasselbe ist), der mit einem gewissen Recht erwarten kann, wenigstens von Journalisten als Reporter in Schtonk, als Massenmörder in Der Totmacher, als Gesellschaftslöwe in Rossini wahrgenommen worden zu sein? Und gleich noch eine Frage: Was bringt ihn dann dazu, nach diesen sehr erfolgreichen sechs Jahren auf hohem Niveau wieder nach Duisburg, nun ja, vielleicht nicht hinab-, aber zurückzusteigen? Ach Gott, dämliche Frage. "Sie lernen eine Frau auch besser kennen nach sechs Jahren Pause. Man muß loslassen; ich kann es mir aber auch leisten, etwas zurückzuholen." Schimanski. Schimmi. Kinder, wißt ihr noch? Am 29. Dezember 1991 schwebte der Tatort-Kommissar Horst Schimanski am Drachen über Duisburg dahin, brüllte noch einmal, zweimal, dreimal "Scheiße", und es sang dazu Bonnie Tyler aus rauher Kehle Against the wind. Das war schön; kitschig war's, traurig, ironisch. Schimmi, fälschlicherweise angeklagt der Bestechlichkeit und also suspendiert, ließ hinter sich die Welt der Beamtenärsche und flog in eine Art Freiheit. Götz George setzte einen Punkt hinter 29 Tatort-Folgen des Westdeutschen Rundfunks seit 1981, in denen er der Anti-Derrick und damit eine Provokation gewesen war, brutal und weich, proletarisch, immer irgendwie echt und damit ganz anders als vor ihm der deutsche Ordnungshüter, sprich: der Hüter deutscher Ordnung. Das war fürs erste das Ende, aber obacht! Schimanski starb nicht. Vielmehr "stand Schimanski im Raum", sagt der WDR-Fernsehspielchef Gunther Witte, stand dort vermutlich die ganze Zeit über, und es hat halt nur so lange gedauert, bis er sich bei der Hand nehmen und wieder vor die Kamera führen ließ. Götz George ist jetzt 59, ein ganz junger Mann also nicht mehr, was aber seinem Akt des "Zurückholens" einen netten Nebensinn gibt: zweiter Frühling? Männliche Wechseljahre? Zurück zur Geliebten von damals, die wundersamerweise kaum älter geworden ist, um auszuprobieren, ob es noch immer Spaß mit ihr macht? Dämliche Interpretation! Götz George, in Jeans und Lederjacke und kleiner, ansatzweise zarter wirkend im wirklichen Leben als im Film, reagiert wortmesserwerfend auf jeden Versuch, seine Motive zu ergründen. "Ich habe Duisburg nie verlassen", sagt er ansonsten, "hier hängt mein Herz." Schluß, aus. Nur vielleicht soviel noch: "Die Figur ist zeitlos; Derrick hat ja auch überlebt." Duisburg aber ist anders geworden, im Gegensatz zu München-Grünwald womöglich. Duisburg war, wenn man das Ruhrgebiet nicht kannte, aber den Tatort, in der Vorstellung eine Schimanski-Welt: Hochöfen; Hafen; Billigkneipen; düstere Straßen; grauer Himmel über Schloten. Und tatsächlich, es gibt Schilder, die in Richtung "Ruhrort" weisen (Duisburg-Ruhrort, 28. Juni 1981!) - aber der Himmel ist blau, und die Hochöfen sind stillgelegt, und wo die Proletarier einst malochten, ist jetzt Landschaftspark, ein Museum, nachts angestrahlt in bunten Farben. In diesem Museum steht nun Götz George vor einer großen Leinwand, auf der gerade noch Schimanski zu sehen war und ein blutroter Himmel über Hochöfen. "Der neue Schimanski ist weitgehend der alte", sagt Hajo Gies, Regisseur vieler alter und einiger neuer Schimanskis. Applaus. Hat sich demnach nichts verändern dürfen, mal abgesehen davon, daß die Abwesenheit des Kollegen Thanner wegen des Todes von Eberhard Feik in Folge eins erklärt werden mußte? Es liegt nahe, George nach dem Modell "Schimmi 97" zu fragen, doch die Antwort lautet: "Es kommt auf die Geschichten an. Er muß alles sein können." Im übrigen soll das Publikum entscheiden, wie es den neuen Schimanski zu sehen beliebt, das Publikum soll man fragen, nicht ihn, der nur vielleicht so viel noch sagen kann: "Die Filme, die ich gesehen habe, gefallen mir ganz gut." Sechs Parkas im Schrank Die Schwadron ist der Titel des ersten Films, und auf den ersten Blick ist doch einiges recht anders geworden. Schimanski ist kein Kommissar mehr, sondern eine Art Söldner, der für die heikleren Spezialaufträge von seinem Austragsboot in Belgien nach Duisburg geholt wird; auch deshalb läuft die neue, teurere Reihe nicht unter dem Signet Tatort, sondern heißt schlicht Schimanski. Er hat sechs seiner legendären Parkas im Schrank hängen, das ist witzig, er nimmt hilflos stammelnd Abschied an Thanners Grab, das ist ergreifend, und er hat noch immer eine tadellose Figur auch in der Unterhose, das ist eindrucksvoll. Er recherchiert in einer Geschichte über die Gewalt ausländischer Banden in Duisburg und die Gewalt selbsternannter Richter und Weltverbesserer innerhalb der Polizei - in einer Geschichte, die nicht bis ins letzte und auch nicht bis ins vorletzte Detail überzeugt, aber sehr aufwendig und fernsehunüblich inszeniert ist: brutal; schnell; laut. Nicht Hajo Gies, der Schimanski-Miterfinder, ist dafür verantwortlich, sondern der vorwiegend in Amerika arbeitende Joseph Rusnak, kein Achtundsechziger, sondern einer, der mit Schimanski aufgewachsen ist. Rusnak sagt: "Er ist ein deutscher Actionheld. Diese Republik hat ja nur Boris Becker und Fußball, sonst nichts. Die Auseinandersetzung mit Gewalt ist wichtig, denn es gibt diese Gewalt." Hajo Gies, Regisseur der zweiten und dritten Folge am nächsten und übernächsten Sonntag, sagt: "Ich bin langsamer, ich bleibe auf den Gesichtern." Götz George sagt: "Das ist Unterhaltung, man soll in die Figur nichts hineingeheimnissen." Was denn nun? Ist Schimanski ein Vorbild für die verweichlichten Standorthindernisse, die laut Rusnak bloß immer "mit dem bleichen Finger auf andere zeigen" und selbst zu keiner kraftvollen Tat willens und in der Lage sind, ist er also eine Kreuzung aus Roman Herzog bei seiner Berliner Rede und Michael Douglas in Falling down? Oder eben doch einfach nur Spaß, den man genießen kann, aber nicht ernster nehmen muß als zum Beispiel den lustigen Stoever in Hamburg? Viele Fragen, aber nur ein Götz George, der sich über Lob sehr freut und andernfalls gerne den unverstandenen Mann gibt: "Der heutige Journalismus - man ist ja schon froh, wenn die kapieren, was man will. Daß bei uns das Licht etwas anders ist, die Kameraführung." Wer ihn dummerweise mit "Herr Schimanski" anredet, hat natürlich schon verloren, wer nach dem "Hintergrund dieser Figur jetzt in den 90er Jahren" fragt, gewinnt auch nicht viel: "Natürlich gibt es das Proletariat noch. Es ist arbeitslos. Und Schimanski ist ja auch arbeitslos." Vorerst sechs Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen sind geplant, eine
Pensionierung ist aber derzeit ohnehin nicht abzusehen, denn "so lange
ich in Form bin, werde ich es machen" - mithin gewiß lange noch,
soweit die neue Lust ihn eben trägt. Also spricht zur Feier der Quotenhoffnung
abends in der alten Gebläsehalle humorig der WDR-Intendant Fritz Pleitgen
und vermacht dem so lange verlorenen Sohn eine Kiste edlen Weines, was
aber ein bißchen dämlich ist, weil er momentan kurbedingt nur
Pfefferminztee trinkt. Die langbärtigen Mitglieder des Motorradclubs
Viersen erklären den Schauspieler, welchen sie wohl für einen
der ihren halten, zum Ehrenmitglied mittels einer Trophäe, die monumentaler
ist als der Darstellerpreis in Venedig für den Totmacher. Alles ist
wieder wie früher. Alles ist wieder gut. Wenn jetzt noch Bonnie Tyler
Hero sänge . . . Fast möchte man Götz George fragen, was
er eigentlich in den letzten sechs Jahren gemacht hat.
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