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Geburt eines Vaters

Der neue "Schimanski"-Film zeigt den einstigen Krawall-Rebellen im Wandel zum modernen Fatalisten und setzt auf ein mutiges und innovatives Regiekonzept

Von Michael Ridder

Schimanski ist erstaunt. Der scheue tschetschenische Flüchtlingsjunge Attila (Sebastian Urzendowsky), den er in seine Obhut genommen hat, sagt plötzlich das "Kriegslied" auf, das Matthias Claudius 1779 dichtete: "'s ist Krieg! 's ist Krieg!" Der Junge, das erfahren wir später, hatte eine deutsche Mutter, die von russischen Soldaten getötet wurde. Er bringt so das Thema des neuen "Schimanski"-Films auf den Punkt: "'s ist leider Krieg - und ich begehre / Nicht schuld daran zu sein!"

Drehbuchautor Horst Vocks, der in den achtziger Jahren "Schimmi" als "Tatort"-Kultfigur etablierte, macht es sich in "Aysl" nicht leicht mit der im Gedicht angesprochenen Schuldfrage. Er zeichnet eine unübersichtliche Welt, in der man kaum entscheiden kann, wer eher Täter und wer eher Opfer ist. Und er zeigt einen Horst Schimanski, der deswegen in seinem 40. Fall sein Verhältnis zur Wirklichkeit neu definieren muss.

Dem Wandel der Figur entspricht ein neues inszenatorisches Konzept, dessen Essenz schon zu Beginn aufscheint. Regisseur Edward Berger verknüpft auf virtuose Weise äußere und innere Handlung, zeithistorischen Hintergrund und persönliche Schimanski-Geschichte, wenn er fast ohne Dialoge zwei Sequenzen hintereinander montiert: Zunächst sieht man Attila und seinen Vater in ihrem baufälligen Haus in Tschetschenien, sie packen eilig Taschen. Dann gehen sie eine Weile zu Fuß durch ihr vom Krieg zerstörtes Dorf, fahren ein Stück mit dem Bus, kriechen schließlich zusammen mit anderen Flüchtlingen in den Laderaum eines Lastwagens. Die Tür kracht zu - und der Bildschirm wird dunkel, für einige lange, verdächtig lange Sekunden.

Als es allmählich wieder hell wird, sehen wir Schimanski, hinterm Steuer seines alten Citroëns auf der Autobahn, mit laut aufgedröhnter Rockmusik. Da ist er, wie früher, ganz kraftstrotzender Krawall-Rebell, der mit quietschenden Reifen zum Tatort fährt. Doch als Schimmi auf dem Parkplatz ankommt, zu dem seine Kollegen ihn gerufen haben, schaltet Hunger, der junge Ex-BKA-Mann, das lärmende Autoradio sofort ab. 24 erstickte Flüchtlinge in einem Container - nur Attila hat mit Glück überlebt - lösen eher stille Verzweiflung aus.

Der neue "Schimanski" ist nicht auf grelle Effekte hin angelegt, sondern bietet mutige und innovative Fernseh-Filmkunst. Edward Berger bringt weder die Leichen im Container noch die Greueltaten russischer Soldaten in Tschetschenien direkt ins Bild. Wenn Schüsse fallen, sieht man nicht, wie Blut spritzt und jemand zu Boden sackt. Die Schnitttechnik fügt sich in dieses Regiekonzept ein, das auf Andeutungen statt auf vermeintlichen Ultra-Realismus setzt. Immer wieder verstören dissonante Montagen, fehlen kleine Details, die der Zuschauer im Kopf ergänzen muss. So gelingt eine fragmentarische Inszenierung einer nicht mehr als Ganzes überblickbaren Welt - und gleichzeitig eine Attacke auf die Sehgewohnheiten des TV-Publikums. Man kann in diesem "Schimanski" viel erfahren über das Leid der Flüchtlinge und den Zynismus der Schlepper, aber man muss auf die kleinen Hinweise achten, auf das nur in Zwischentönen Gesagte hören.

Der innere Antrieb der Schimanski-Figur ist nach wie vor ein sozialer, jedoch nicht mehr ein sozialrevolutionärer. Die eruptiven Gewaltausbrüche des jungen Schimanski waren Akte der Verzweiflung gegen eine ungerechte Welt, in der man immer noch bei individuellen Menschen mit konkreter Verantwortung ankam, wenn man die Ursprünge von Verbrechen zu entdecken suchte. Der reife Schimanski muss keine Türen und Fenster mehr eintreten, muss nicht mehr mit erhobener Kampfesfaust seinen Widersachern drohen. Er weiß, dass man in globalisierten Zeiten einer Chimäre nachliefe, wäre man auf einen Western-Showdown aus. Tschetschenen flüchten vor Russen und machen anschließend mit dem Leid ihrer Landsleute Geschäfte, Albaner flüchten vor Serben und bauen mit Deutschen und Tschetschenen mafiöse Zirkel auf - die Welt ist überkomplex geworden.

Gegen Ende sind einige der kriminellen Schlepper zwar tot oder verhaftet, aber dies notiert der Film eher beiläufig, weil es nicht das Ziel ist, auf das sich seine Handlung zu bewegt. Der Unterschied zu älteren "Schimanski"-Filmen lässt sich gerade hier greifen: Wenn der Duisburger Kommissar mit dem Schmuddelparka früher die Drahtzieher verbrecherischer Organisationen hinter Gitter brachte - häufig gut gekleidete Menschen aus den Führungsetagen der Großindustrie -, dann war das die große Geste der ausgleichenden Gerechtigkeit. Horst Schimanski, der Enkel polnischer Einwanderer, aufgewachsen in einer trostlosen Duisburger Arbeitersiedlung, träumte seinen eigenen Traum von einer humaneren Bundesrepublik - er war der Rächer aller Zukurzgekommenen, die Verheißung einer Sozialutopie.

In einer Gesellschaft aber, die keine Utopien mehr kennt, in der längst anonyme "Global Player" an den Hebeln der Macht sitzen, gibt es keinen klar identifizierbaren Feind mehr. Schimmi musste daher entweder verschwinden oder ein anderer werden. Nun ist er ein anderer geworden, und diese neue Rolle ist die eines modernen Fatalisten, in dem das Herz eines liebenden Vaters schlägt. Die Gesellschaft mag er nicht mehr retten können. Aber einen vom Krieg traumatisierten Jungen schon - und dafür fährt Schimanski, den Götz George so zurückgenommen verkörpert wie noch nie, mit dem Jeep bis nach Tschetschenien.

Die ARD zeigt "Schimanski: Asyl" am Sonntag um 20.15 Uhr.

 

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Copyright © Frankfurter Rundschau 2002
Dokument erstellt am 06.12.2002 um 21:32:54 Uhr
Erscheinungsdatum 07.12.2002

 

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