| Frankfurter Rundschau (FR) vom 8.12.2001
Alle Symptome einer Sucht Der neue "Schimanski" wirkt wie die Reproduktion von Kopien seiner selbst - und dennoch im Einklang mit sich und der Welt Von Christian Bartels "Schimanski: Kinder der Hölle", ARD, 20.15 Uhr. Im weißen Jackett mit roter Fliege erscheint Horst Schimanski beim Standesamt, um Marie-Claire (Denise Virieux) zu heiraten. Er wirkt nervös. Doch zur Trauung kommt es nicht, weil das Handy seines Kollegen Hänschen klingelt. Die Stieftochter eines alten Freundes ist ermordet worden. Die Neuinszenierungen des Ruhrpott-Mythos funktionieren wie die Reproduktion eines Rausches. Für die gleiche Wirkung braucht es immer mehr. Der Kreis alter Kumpel wird regelmäßig kleiner. Immer mehr werden umgebracht oder eingesperrt. Persönliche Betroffenheit wandelt der ehemalige Kommissar und inzwischen ehrenamtliche Haudegen in Energie um und hetzt mit quietschenden Reifen von Schauplatz zu Schauplatz. Dramaturgisch muss immer dicker aufgetragen werden - aber es funktioniert. Mit allen Symptomen einer Sucht halten die Schimanski-Filme eine Legende am Leben, die seit 1981 auf deutschen Bildschirmen zu sehen ist. "Kinder der Hölle" ist der einzige "Schimanski" dieses Jahres. Bei der Präsentation des Films von Edward Berger (Regie) und Hans-Jörg Thun (Buch) übernahm Hauptdarsteller Götz George ungefragt und irgendwie trotzig gar die Verantwortung für die Quote. Wenn er sich damit mal nicht selbst schadet: Die "Tatorte", die sonst am Sonntagabend laufen, sind billiger und erreichen mehr Zuschauer. Der Grund, weshalb nur noch wenige "Schimanskis" gedreht würden, sei die schwache Qualität vieler Drehbücher, erklärte George. Oft klängen die Dialoge wie aus alten Schimanski-"Tatorten" abgeschrieben. Sei ein Buch mal nicht ganz schlecht, lasse er sich vom potenziellen Regisseur schildern, wie daraus ein guter Film werden könnte. Überzeugt ihn das, wird gedreht. Tatsächlich sind heute die Fernsehkommissare so unkonventionell, wie Schimi schon früher war. Viele wirken daher wie Abziehbilder. Das Schimpfwort, mit dem Schimi erste Schlagzeilen machte ("Scheiße"), ist in aller Munde, die angeblich legendäre Original-Jacke wird im Filmmuseum in Berlin aufbewahrt. Kein Wunder, dass sich der 63-jährige George, der bei anderen Drehbüchern auch mal beide Augen zudrückt, gern als Gralshüter der Schimanski-Figur in Szene setzt. Zumindest hinter den Kulissen macht er das offenbar gut. Die Regisseure sind immer junge Talente aus Berlin wie Andreas Kleinert ("Kelly Bastian"), Matthias Glasner ("Sexy Sadie") oder jetzt Edward Berger. Sie seien alle befreundet und würden künstlerisch rivalisieren, sagt George. Regelmäßig werden aufregende Schauspieler entdeckt wie jetzt Sabine Timoteo, die im neuen Film eine Hure spielt. Regisseur Berger würdigt in vielen Außenaufnahmen die gewaltige Hässlichkeit der Autobahn-zerfurchten Peripherien der Großstädte. Sein Schnittrhythmus ist relativ ruhig, dem Alter des Helden entsprechend. Dessen innerer Hibbeligkeit wiederum entspricht die Unruhe der eingesetzten Handkamera. So erscheint die Inszenierung im Einklang mit sich selbst. Das ist die eigentliche Stärke des Films. Der Ruhm des Stars ist die Aura des Protagonisten, und mit ihr rauschen die neueren "Schimanskis" augenzwinkernd vorbei am Erklärzwang der Fernsehfiktion. Statt alles zu erläutern, bis auch der letzte Zapper verstanden hat, stürmen sie durch ziemlich viel Handlung. "Versuchen zu verstehen", wie es in "Kinder der Hölle" die Leiterin eines Heims für missbrauchte Mädchen sagt, ist sowohl dramaturgisch als auch soziologisch ein Schlüsselsatz: Übliche Fernsehthriller geben vor, alles ließe sich verstehen, sobald das Motiv das Mörders enthüllt ist. Schimanski-Filme zeigen, dass Schlimmes oft nur in Teilen zu verstehen ist - was das mögliche Verständnis der realen Welt eher widerspiegelt. "In China sagt man, der weise Mann erkennt den Wert einer Welt daran, wie sie mit ihren Kindern umgeht", sagt einmal Hänschens Partner Hunger. Darin liegt sowohl die verspielte Ironie der neuen "Schimanskis", die meint, dass Binsenwahrheiten in Form chinesischer Sprichwörter eher auf Akzeptanz stoßen, als auch der alte Anspruch auf Sozialkritik. Die Verbrechen an Kindern, um die es in "Kinder der Hölle" geht, kommen statt in Bildern dankenswerterweise nur in verbalen Andeutungen vor. Der neue "Schimanski" ist überhaupt nicht spekulativ und verdeutlicht dennoch, was in den Köpfen Pädophiler vorgeht. Das gelingt nur wenigen der vielen Filme über das Thema. Die Schimanski-Filme sind ernsthaft und verspielt, realistisch und artifiziell sowie selbstironisch. Die Filme hallen nach, wenn sie vorbei sind. Und während sie laufen, vibriert der Bildschirm vor Energie. Was selten ist und ein Grund, Schimanski noch ein paar Jahre oder Jahrzehnte zu wünschen. © Frankfurter Rundschau [ Homepage ] |