Frankfurter Rundschau vom 9.11.1999

"Schimanski: Sehnsucht"

Anti-Schnösel-Kommando

Von Harald Keller

Eigentlich stammt die Geschichte von Raymond Chandler. "Farewell, My Lovely" heißt sie im Original, "Lebwohl, mein Liebling" als deutsche Buchausgabe. Die Marlowe-Rolle stand allerdings auch dem Duisburger Rabauken Horst Schimanski gut zu Gesicht.

Der ist in seinem belgischen Exil drauf und dran, die Anker zu lichten und mit seiner Freundin Marie-Claire zur Nordsee zu schippern, als ihn ein alter Klient namens Mammut bittet, seine verschollene Freundin Olga aufzuspüren. Schimanski plagt das schlechte Gewissen, denn er hatte Mammut einst verhaftet und ihm mit gutem Grund mildernde Umstände versprochen.

Der Staatsanwalt sah den Fall anders und brachte den gutmütigen Hünen für sechs Jahre ins Gefängnis. Trotz dieser Vorgeschichte lehnt Schimanski Mammuts Ansinnen zunächst ab. Nachts aber langt er doch den Parka vom Haken und stiehlt sich wie ein unartiger Bengel heimlich davon. Eine Männerangelegenheit. Und Marie-Claire hat wieder einmal das Nachsehen. Der Fall erweist sich als brisant. Mammut wird schon wieder wegen Mordes gesucht, ein hochrangiger Politiker ist darin verwickelt und lässt einen LKA-Beamten namens Hunger abstellen, der offenbar den Ehrgeiz hat, Schimanskis Rekord an Dienstaufsichtsbeschwerden noch zu übertrumpfen.

Mit diesem jugendlichen Heißsporn gelangte eine neue Figur ins altbewährte Spiel und brachte frischen Wind mit. Es hielt die Geschichte auf Trab, wie Hunger Schimanski nachsetzte und der den großmäuligen Lümmel auf Normalmaß stutzte. Am Ende kämpften beide einträchtig Seite an Seite als hinreißende Anti-Schnösel-Einheit und waren selbst von ministeriellen Bodyguards nicht mehr zu stoppen. Derartige Oberflächenreize gehören zu einem "Schimanski"-Film wie Bier und Parka. Autor Hansjörg Thurn aber verstand sich darauf, sie zum Motor seiner Erzählung zu machen, selbige ähnlich wie bei Chandler nicht allein eine abenteuerliche Krimihandlung mit Finten und Finessen, sondern eine Reflektion über Männerfreundschaften und die Suche nach einem kleinen, notfalls auch kleinbürgerlichen Glück.

Die Sprüche und die Schauplätze stimmten, und die besondere Farbgebung, ein winterlich-kühles Blau, folgte hier einmal nicht aktuellen Moden, sondern entsprach der Atmosphäre der Geschichte. Aus der Summe der Eindrücke resultiert die Erkenntnis: Passt die Orchestrierung, kann sich der alte Haudegen Schimanski immer noch sehen lassen.

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