Frankfurter Allgemeine (FAZ) vom 10.1.2004

Leben ohne Handlauf

Schimanski und die deutsch-jüdische Geschichte: Ein großes Abenteuer und ein dreifacher Krimi

Harald Schmidt hat Polenwitze erzählt und das ewig Geschichtsdramatische ironisiert - mit großem Erfolg. Wenn aber Schimanski ins koschere Leben orthodoxer Juden springt und wörtlich auf eigene Faust in der lebendigen Nachgeschichte des Holocaust ermittelt - wie wird das dann? Als Krimi? Und sonst?

Es ist wohl paradox, wenn man feststellt, daß dieser „Schimanski“ als Krimi so gut gelingt, daß man fast vergißt, daß es ein Krimi ist. Aber wie kann man das vergessen, wenn der Film doch spannend ist? Die Antwort ist einfach oder vielmehr zweifach und dreifach. Es sind zunächst die Bilder, die dem Regisseur Andreas Kleinert gelingen. Sie haben ein solches Eigengewicht, gerade so, als wollte jedes für sich seine eigene Geschichte erzählen: Wie man in einem Treppenhaus von hoch oben nach unten schaut und sieht, wie das Geländer die Stockwerke mitläuft, so laufen hier die Bilder mit der Geschichte, um sie herum, sind mal weit vorne und weit hinten, sind einst und heute und morgen. Sie beugen sich über die Geschichte, manchmal auch von ihr weg, erdrücken sie fast und lassen sie dann los. Die Geschichte dieser Filmbilder der Kamera von Johann Feindt (nach einem Buch von Mario Giordano) ist für sich schon so packend, daß die Handlung auch nur als Oberton genommen werden kann.

Duisburg gibt es auch noch. Die unaufgeräumte Herbe, eine Stadt, in der ein Chef des Staatsschutzes erst seine Familie und dann sein Leben an ein Reihenendhaus verliert. Ein Leben, in dem das Geländer der Biographie nichts mehr hält. Ein Leben ohne Handlauf. Und dann mit einem Sprung in die Welt der rituellen Sorgfalt, in der die Konzentration auf etwas Äußeres zum Innern führt. Man verfolgt diese Sprünge, taucht hinterher und fragt sich, ob der Film und man selbst die Spannung oder besser die Luft lange genug anhalten, ob das alles gutgehen kann. Bis man merkt: Hier ist man nie auf der sicheren Seite, weil es keine sichere Seite gibt. Jedes Bild muß sich selbst tragen, so wie auch jedes Wort sich selbst aushalten muß. Und meistens geht es gut, manchmal aber bricht man ein, stürzt hinab, bis man von der nächsten Szene wieder aufgefangen wird. Das ist der erste Krimi im Krimi. Und es gibt weiß Gott Bilder hier zu sehen, die schon für sich allein genommen lohnen. Man könnte sagen, die Szenen jüdischen Lebens mit Schimanski mittendrin seien geschmäcklerisch - aber was heißt das gegen die Kraft der Bilder, die nicht zu leugnen ist? Gegen die Kraft der Stille, die der Film einsetzt? Das heißt dann nichts mehr, sondern verweist auf die schwierige Geschichte der Wahrnehmung des Religiösen im allgemeinen und des jüdischen Kultus im besonderen in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.

Der zweite Krimi im Krimi ist Götz George selbst. Ein Schauspieler, der vibriert von Ideen, Einfällen und Vitalität, der alles will, aber damit manchmal am Ende als Schauspieler gar nichts bekommt, der alles zerstören oder alles tragen kann. Und Schimanski läuft die Treppe ohne Geländer hinunter, er schwankt manchmal, scheint ins Banale oder Gewollte zu fallen und fängt sich doch wieder. Das gelingt ihm, weil er seine Intensität genau einsetzt. Und weil seine Mitspieler das nötige Gegengewicht haben, um den Film in der Balance zu halten. Ob Nina Kunzendorf, Denise Virieux, Nikolaus Paryla oder Julian Weigend als früherer Schimanski-Assistent - man braucht keinen hervorzuheben, weil jeder auf seine Weise die Konstellation mitträgt.

Nach dem Krimi der Bilder, nach dem Krimi der Schauspieler gibt es dann noch einen Krimi deutsch-jüdische Geschichte. Als vor Jahren Iris Berben als Kommissarin Rosa Roth einen Fall in Israel recherchierte, vollzog sie dabei die für die neunziger Jahre typische An-Identifizierung mit den Opfern des Holocaust im Betroffenheitsgestus. Das ist hier ganz anders. Es kann gezeigt werden: Kultus ist auch okkult, ist auch komisch, jedenfalls für diejenigen, die den Glauben nicht teilen. Das ist kein Verbrechen. Die Religion, hier die jüdische, behält aber ihre Würde, wird nicht lächerlich gemacht. Sie wird gezeigt als eine Möglichkeit. Und wenn Schimanski darüber nachdenkt, ob er sich beschneiden lassen soll, weil dann der Sex soviel besser sei, spielt das auf etwas grobe Weise mit den Exotismen, Reizen und Versprechungen, die fremde Riten beim Betrachter wachrufen. Man bemerkt hier, wie viel uns schon von den neunziger Jahren trennt, aber auch, wie schwierig es immer noch ist, bloß „Jude“ zu sagen, ohne sich auf unbestimmte Weise antisemitisch zu fühlen. Unübersehbar aber ist auch, wie solche kollektive Zugehörigkeiten in der Vorstellungswelt an Gewicht gewonnen haben.

Und der eigentliche Krimi? Ja, den soll man doch nicht verraten. Oder?

MICHAEL JEISMANN

© Frankfurter Allgemeine Zeitung


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