| Frankfurter Allgemeine (FAZ) vom 7.12.2002
Zartbitter Das Hausboot ist noch lange nicht voll: Schimanski (ARD) Alte Besen kehren gut. Eine Auffassung, die in der Reinigungsbranche wohl selten empirische Bestätigung fände, aber für die Verbrechensbekämpfung getrost zur Doktrin erhoben werden kann. Jedenfalls bei seriell agierenden Film- und Fernseh-Helden gleichgültig, ob es um das Wohl des gesamten Planeten oder lediglich um das Wehe der Kriminellen in Duisburg geht. Demnach sind wir grundsätzlich geneigt, auch zugunsten von Horst Schimanski und nicht nur beim Anblick von James Bond tönungsbedürftiges Schläfenhaar als Beleg für eine Wechselwirkung zwischen Dienstjahren und Dienstbefähigung zu werten. Britische Agenten mögen sich global im Umgang mit Unholden als furchtlos erweisen; die hiesigen Kommissare schrecken nicht einmal vor Renitenz gegenüber ihren heimischen Auftraggebern zurück: "Nee, nee, nee, ist 'ne Nummer zu groß für mich, du. Vielleicht ein andermal, Kleiner." Wirb an einem anderen Tag? Ja, könnte klappen. Denn kein Fernsehsender wollte es wagen, uns unter dem Titel "Schimanski Asyl" einen Film mit Götz George anzubieten, in welchem jener es vorzöge, als frühverrenteter Bulle mit Lebensgefährtin Marie-Claire (Denise Virieux) auf seinem Hausboot Sonnenuntergänge zu begutachten, statt mit Hunger (Julian Weigend) und Hänschen (Chiem van Houweninge) wieder mal seinen schlecht rasierten Hals zu riskieren. Der Meinungsumschwung des Protagonisten ist also dramaturgische Pflicht. Bei Drehbuchautor Horst Vocks gerät er zur Kür. Bis Schimanski nämlich bereit ist, sich mit seiner Zahnbürste inkognito in einem Container-Hotel unter Lkw-Fahrer zu mischen, wurde ihm ein so plausibles Pensum an komischen und beklemmenden Szenen zugestanden, daß er zügig und trotzdem ohne Gesichtsverlust seine anfängliche Ermittlungsmüdigkeit ablegen kann. Am meisten rüttelt ihn seine Sympathie für einen Siebzehnjährigen auf: Attila (Sebastian Urzendowsky) hat als einziger die Flucht aus Tschetschenien überlebt. Die anderen erstickten in einem Lastwagen, den eine Duisburger Spedition nicht zum ersten Mal für das lukrative Schleusergeschäft mißbrauchte. Ein fiktives Geschehen, bei dessen Ausgestaltung sich Regisseur Edward Berger darauf verlassen konnte, daß dem Zuschauer bewußt ist, es nicht mit einer Übertreibung, sondern mit einem Ausschnitt der Realität zu tun zu haben. Folglich genügt es, daß wir von Krieg und Folter durch die Mimik der Flüchtlinge und ihre Erzählungen erfahren. Nur einer könnte es wagen, gegen eine solche Ästhetik aufzubegehren. Gewalt nicht direkt zum Objekt der Kamera zu machen erweist sich bei diesem Krimi jedoch als Richtlinie, gegen die sogar Schimanskis notorische Lust am Regelverstoß nichts ausrichtet: Bei seinem elften Auftritt außerhalb der "Tatort"-Reihe wirkt das Ruhrpott-Rauhbein beträchtlich weniger kratzig. Die ins Graubeige spielende Jacke, die modische Ignoranz ihres Trägers verbürgend, muß häufiger als Schutz gegen Kälte herhalten denn Schläge dämpfen; wo früher Fäuste flogen, heben sich jetzt Augenbrauen; und es scheint sich bis nach Lüttich herumgesprochen zu haben, daß sich Türen mit der Klinke schmerzfreier öffnen lassen, als wenn man sie eintritt. Aus diesem Besonnenheitszuwachs folgt jedoch mitnichten Langeweile. Sie ist vielmehr von Vorteil insofern, als Schimanski beständig auf den natürlichen Feind des Undercover-Cops trifft: den Mißtrauischen, der an der Existenz von Zufällen zweifelt. Der ist in diesem Fall zwar klüger, als die Kripo erlaubt, aber letztlich dumm genug. Bei Serien kann man sich eben darauf verlassen, daß deren Helden das jeweilige Sequel lebendig überstehen. Im Unterschied zu seinem 007-Pendant erfreut sich Schimi sogar des Privilegs, zu wissen, welche Frau ihn auch am Ende des nächsten Auftrags erwartet. ANDREA RINNERT © Frankfurter Allgemeine Zeitung [ Homepage ] |