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Frankfurter Allgemeine
(FAZ) vom 8.12.1998
Im Kühlschrank überall dasselbe Bett, Verbrechen, Auto: "Schimanski. Geschwister" (ARD/WDR) Das antike Drama kennt den einen Helden. Gerade wo der Riß durch die Welt geht, stellt er sich hin. Bei Shakespeare sind es mehrere Paare, deren untereinander verworrene Beziehungen sich tragisch oder komisch auflösen. Im neueren deutschen Fernsehkrimi ist es noch ein bißchen verzwickter. Da ist ein Polizist aus Duisburg auf der Suche nach einem Mädchen, das nichts mehr von ihm wissen will. Es stellt sich heraus, sie ist seine Schwester, und was das hübsch androgyn anzuschauende, wie ein Spiegelbild erscheinende Paar Andy und Laura (Roman Knizka und Sandra Speichert) zusammenhielt, war verbotene Liebe - schon seit den Tagen im Kinderheim, in dem die Verwaisten aufwuchsen. Inzwischen ist aber Laura bei dem irgendwie mafios angehauchten Immobilienhai Ewers gelandet, dem Schurken der Geschichte, nachdem sie vorher im Edel-Bordell gearbeitet hat. Andy erschießt in einer fulminanten Szene zwei von Ewers' Gorillas und muß sich verstecken. Dann ist aber Ewers der, auf den Schimanski angesetzt wird. Und ausgerechnet Andy hatte Schimanski mal das Leben gerettet, woraus sich gewisse Verpflichtungen ergeben. Dann wird noch, sehr in Richtung Greuel- Ästhetik, ein Mädchen entführt, die Tochter von Staatsanwalt Merkel, der den Fall Ewers bearbeitet. Lose angebunden an diese Komplikationen ist wie immer in dieser Serie die Geschichte von einer erneuten Beziehungskrise zwischen Schimanski und Marie-Claire (Denise Virieux), nachdem er sie zu Beginn mit einem andern im Bett erwischt hatte. Das Drama muß nicht plausibel sein. Es erreicht seine Zwecke viel eher durch das Wunder als durch schlichte Kausalität, weil es auf Steigerung aus ist. So nähert sich die Handlung des neueren deutschen Fernsehkrimis der Dramaturgie Heiner Müllers: Mehrere Stoffe, geschichtsbeladen und grausam, werden aneinanderassoziiert, ineinandergeschoben. Verkommenes Ufer, Schimanski-Material. Man könnte auch an das Märchen "Schwan, kleb an" denken. Der Klebstoffe sind hier drei: das Bett, das hier fast alle mit allen verbindet, der Sog des Verbrechens und das Auto. Die Familie liegt weit zurück, selbst Staatsanwalt Merkel erzieht seine Tochter allein. Durch Singlehaushalte bewegt sich die Kamera, im Eisschrank ist überall dasselbe. Sie treiben, und es herrscht unendlicher Verkehr. Nur Ewers scheint eine "funktionierende Beziehung" zu führen, aber natürlich geht es böse aus. Götz George ist in diesem Jahr sechzig geworden. Das bringt es mit sich, daß die Erinnerungen sich vermehren. Mediale Neuerungen kommen ihnen entgegen. Als Schimanski, ebenso wie die Staatsanwältin Schäfer, von den Rauschpilzen aus "Juanita's Cantina" mattgesetzt ist, die Ewers geschickt hat, begegnet ihm sein alter Freund und Mitarbeiter Tanner aus dem Totenreich. Die heutige Technik macht es möglich, ihn wie eine Halluzination hineinzumontieren. Schimansky ist - und auch das macht ihn den Figuren Heiner Müllers ähnlich - ein Mann mit einer langen Geschichte, von der man nur gelegentlich andeutende Bruchstücke erfährt. Man spürt, wieviel von ihr man nicht weiß. Muß man hinzufügen, daß die Sendung vorzüglich war? Zu Götz George scheint alles gesagt. Mit dem weiteren festen Personal - Marie Claire, Schrader (Steffen Wink), der Staatsanwältin Schäfer und ihren beiden Pechvögeln stehen Figuren bereit, die die Handlung nuancieren. Daß der Bauhai seinen toten Konkurrenten ausgerechnet in ein Kulturzentrum einbetonieren läßt, spricht für die feinen Ironien, die das Drehbuch bereithält. Besonders zu loben ist die Tonregie, die auf eine Grundspur von fast durchgehendem Motorengeräusch exzellent ausgewählte neuere Popmusik, manchmal auch Herztöne legte. Der Regisseur Mark Schlichter hat sich in Bereiche vorgewagt, die dem üblichen didaktischen Sozialrealismus fremd sind. Das abgeschnittene Ohr des Entführungsopfers erinnerte an David Lynch, auch Schimanski selbst, der im psychedelischen Rausch der Pilze sein Spiegelbild grotesk verwandelt sah. Da wehte im deutschen Fernsehkrimi für einen Moment ein Hauch von "Twin Peaks". LORENZ JÄGER © Frankfurter Allgemeine Zeitung [ Homepage ] |