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Frankfurter Allgemeine (FAZ) vom 17.11.1998
Duisburg leuchtet Die Revolution frißt ihren Kommissar: „Rattennest“ (ARD/WDR) Die Erwartung hat böse getrogen. Eine Schonfrist der ersten hundert Tage, während derer sich die Beobachter mit ihrem Urteil zurückgehalten hätten, bis die neue Regierung kommod im Sessel sitzt, war Gerhard Schröder und den Seinen nicht vergönnt. Statt dessen war die Rede der Journaille voll von Schatten und Fehlstarts. "Der Gerd" (S. Aust) mag das als Mangel an Fairneß beklagen, doch wer genauer hinsieht, wird da doch keine Gerechtigkeitslücke entdecken: You live by the media, you die by the media - wer durch Manfred Bissinger lebt, wird durch Manfred Bissinger untergehen. So ist es denn keineswegs verfrüht, auch das Fernsehen daraufhin zu untersuchen, ob es ausreichend schrödertauglich ist. Jede Serie, jede Figur kommt auf den Prüfstand, ob sie bestehende Mitte sichert oder "Neue Mitte" schafft. "Siska", der neue "Derrick", hat, indem er die Titelschriftart seines Vorgängers im Amt weiterverwendet, den Vorsatz erkennen lassen, nicht alles besser zu machen: Dafür gäb's sicherlich ein Lob vom Kanzler. Götz Georges Schimanski dagegen hat noch, "ich sach mal", Lernbedarf, wie er am Sonntag in der Folge "Rattennest" bewies. Die Herausforderungen im einzelnen: Ein unglücklich gewähltes Ambiente. Es gibt Standorte hierzulande, denen wird auch ein Bündnis für Arbeit nicht helfen. Einer davon ist das Duisburg, das sich Drehbuchautor Horst Vocks und Regisseur Hajo Gies ausgedacht hatten. Zwischen brennenden Öltonnen, stillgelegten Hallenbädern und verunglückten Sozialisationen torkelten drogensüchtige Straßenkinder herum; drei von ihnen wurden Opfer eines jungen Kinderschänders aus großbürgerlichem Hause, den sie erpressen wollten. Das konnte auch dessen Papa nicht mehr richten, der gerade - man konnte denken, wir schrieben die achtziger Jahre - zweitausend Stahlarbeiter entlassen hatte. Und als Schimanski, vom Fenster seines Apartements auf die Stadt hinunterblickend, dort gerade das Sublime entdeckt zu haben glaubte, lief prompt eine Ratte über sein Balkongeländer. Gerne hätte Gies seinen düsteren Schauplatz noch düsterer gehabt, wie er während der Dreharbeiten erzählte: "In Duisburg gibt's Fabrikhallen, die sehen aus wie aus ,Alien'. Aber die sind zu schwer auszuleuchten." Die falsche Haltung. Daß die ausgehende Bonner Republik von jenen regiert wird, die 1968 und folgende in sie aufgebrochen sind, ist inzwischen communis opinio der Kommentatoren. In Wahrheit regieren wohl vor allem jene, die behutsam genug waren, bei aller Rebellion die eigene Karriere nicht abknicken zu lassen: Surfer auf den Brandungen des Zeitgeistes, die den wipeout, der sie vom Brett herunter gezwungen hätte, mit einigem Geschick vermieden haben. Schimanski freilich, gerne und nicht zu Unrecht als ferner Erbe Rudi Dutschkes bezeichnet, gibt störrisch den arretierten Aufständischen, alle Reflexe gegen die Bourgeoisie eingeschlossen. Als er eine ehemalige Freundin aufsuchte, warf er ihr vor, sie habe ihn seinerzeit für "einen - na! - Lehrer" verlassen; dabei müßte selbst er wissen, daß man deutsche Pädagogen mit solchem Gerede schneller entfremdet als mit jeder Steuerreform. Auch seinen Nachfolger Schrader (Steffen Wink) hat Schimanskis schiefe Auffassung von Lebensart bereits angekränkelt; wies ihn der Laptop auf den Knien, mit dem er in "Die Schwadron" im vergangenen Jahr eingeführt wurde, noch als Mitglied der technischen Intelligenz aus, ist davon nur eine herzförmige Badewanne übriggeblieben - und eine gewisse Schnippigkeit. Auf die Kollegin angesprochen, die morgens im halboffenen Bademantel an seinem Küchentisch saß, meinte Schrader: "Man nimmt, was man kriegt." Was würde Walter Riester dazu sagen? Kinder. Als Kandidat Schröder im Mai die Berliner Baustelle des Bundeskanzleramtes besichtigte, signalisierte seine Bemerkung, er wolle nur sehen, ob das Kinderzimmer für Tochter Klara groß genug sei, ein Verhältnis zur Arbeit, das Wichtigeres kennt. Dem Nachwuchs in der eigenen Unterkunft dauerhaft Raum zuzugestehen würde Schimanski freilich niemals einfallen; schließlich macht er sich selbst die Welt seit Jahren zu seinem Kinderzimmer, in dem er toben und schmollen kann. Da war es nur konsequent, daß sich die Ankündigung seiner Lebensgefährtin Marie- Claire (Denise Virieux), sie werde dem "großen Schimanski" zum Geburtstag einen "kleinen Schimanski" schenken, als Irrtum erwies. Denn Schimanski mag keine Kinder zeugen; er adoptiert sie von Fall zu Fall, wie den Trotzkopf Janni (Tobias Schenke), und steht ihnen eine ganze Krimihandlung lang bei. Für ihn sind sie nur Menschen, die zufällig etwas jünger sind, so wie Ausländer Menschen sind, die zufällig woanders geboren wurden. Deswegen behandelt er sie auch, wie er jeden behandelt: Fordern statt verwöhnen. Schimanskis Liebe, das wissen auch die Frauen in seinem Leben, war noch immer tough love. Den des Mordes verdächtigen Janni ohrfeigt er, zieht ihn aus bis auf die Unterhose, bis er sicher sein kann, daß der Vierzehnjährige keine Drogen spritzt - dann gratuliert er ihm zum Geburtstag, daß es dem Kind - und dem Zuschauer - die Tränen in die Augen treibt. Ein einziges Mal nur schien es, als könne sich der ausgebürgerte Kommissar doch noch einfügen in die neue Republik. Von einem übermütigen Radiosprecher aufgestachelt, fragte Janni recht ratlos, wo sie denn bleibe, die Revolution. Sprach sein Adoptivvater wie selbstverständlich: "Ich bin die Revolution." Das könnte auch der Kanzler von sich sagen. Ein Stück weit. BERTRAM EISENHAUER © Frankfurter Allgemeine Zeitung [ Homepage ] |