Frankfurter Allgemeine (FAZ) vom 18.11.1997

Hand in Hand ins Blue Café

Schimanski desertiert: "Blutsbrüder" (ARD)

Im Kopf des Zuschauers hat es längst geklickt, wenn Schimanski dem Filou Mandel nach zehn Minuten die Handschellen anlegt: "Flucht in Ketten" heißt das Vorbild, 1958 von Stanley Kramer mit Tony Curtis und Sidney Poitier verfilmt. Spannend wie dort geht es weiter, mit Action und Ruhepausen, die Zeit für Tiefsinn und keimende Zuneigung gönnen. Vorurteilen wird auch zu Leibe gerückt, nur weniger diskret. 1958 stritt das schwarz-weiße Duo unter dem Deckmantel des Thrillers gegen Rassimus. "Blutsbruder" Mandel posaunt "Wir lieben uns halt", als er und Schimanski, zur Tarnung Händchen haltend, von einer pubertären Schulklasse bekichert werden. Dann raunt er dem Peinlichkeit schwitzenden "Schimmi" grinsend zu, man müsse "Vorurteile im Keim ersticken".

Ironie, mal federleicht, mal bitter, durchzieht den Film und führt auf eine zweite Fährte: Schimanskis und Mandels Fluchtreise von Lüttich nach Duisburg, Erinnerungen inbegriffen, wiederholt Dennis Hoppers und Kiefer Sutherlands Trip in "Flashback". Der Dritte im Bunde, weiß man nach dem zweiten Blutsturz, ist "Pulp Fiction". Es wird nicht so pupillennah gemetzelt wie bei Tarantino. Aber für deutsches Fernsehen und selbst für das, was man vom Schimanski der achtziger Jahre gewohnt war, geht es enervierend direkt zu - paßt ihm ein Wort nicht, drischt er drauf, naht sich eine weibliche Schulter, greift er zu, zuweilen schwappen Blut, Schweiß und Tränen auf die Kameralinse.

Schon in der ersten Folge, "Die Schwadron", flammte Schimanskis Welt wie im Delirium. Die zweite zerstreut den Verdacht, hier wüte der Versuch, an das "Faust auf Faust" anzuknüpfen. Der alte Schimanski war ein Sozialkritiker aus dem Zeitgeistbuch der achtziger Jahre, ein Achtundsechziger, der den Sprung in die Yuppie-Ära ohne verstauchten Knöchel überstanden hatte und dessen Achillesferse sein Talent zum Liebhaber ohne festen Wohnsitz war. Götz Georges Ruhrpottbulle lebte und handelte so, wie junge Gewerkschaftler und junge Banker meinten, daß sie handeln und leben sollten. Nun ist er vom Zechenland in das der Kunst desertiert. Ihr Stoff ist nicht mehr das pure Leben, sondern das, was Filme daraus gemacht haben.

Alles ist Zitat bei "Blutsbrüder": Mandel, von Christoph Waltz so brillant gespielt, daß er zuweilen George das Wasser abgräbt, ist ein Nachkomme von Felix Krull, rührt an mit Verlorenheit wie Jean Louis Trintignant in seinen besten Krimis, schillert, ein klügerer Cousin John Travoltas, zwischen Tor und Killer. Auch die Figuren, die Schimanski begleiten, stammen aus der Retorte: Staatsanwältin Ilse Bonner (Geno Lechner) ist zäh und trocken wie eine Klothilde Buddenbrook, der sie die erotisierende Kälte der "Flambierten Frau" voraushat. Tobias Schrader ist kein Thanner-Ersatz, sondern Nachfolger; wo der verstorbene Eberhard Feik die Charakterstudie eines Sonderlings war, ist Steffen Wink Internet-Generation, echt wie eine Computersimulation. Und die Assistenten Krieger und Scholl sind tumb wie hundert Krimigehilfen in tausend Krimis vor ihnen.

Daß Denise Virieux als Schimanskis lang- und wankelmütige Dauergefährtin am Band des alten Ruhrpottrealismus zappelt, kann man nur den gelegentlichen Schwächen der Drehbücher vorwerfen. So wenig wie Götz George sein Können, das ihn in "Schimmi"-Szenen vom Steilpaß der Ironie in die Froschperspektive des "Rauhe Schale, weicher Kern"-Naturalismus stürzen läßt. Das wirkt so angestaubt wie die belgischen Hinterhöfe und Duisburger Zechen, obwohl sie wahr sind, Kulissen eines Filmarchitekten, der die Zeit verpaßt hat.

Doch dasselbe Können läßt George gleich darauf seinem Helden über die Schulter schauen. Mit Chris Reas Musik gehen er und Mandel auf Traumreise ins "Blue Café". Zwei aus gleichem Ruß, die einst in Jeansjacken auf Goldlocken schauten wie vor ihnen Bogart im Regenmantel auf die Bergman und - "Play it again, Sam" - meinten, dem E-Gitarren- Blues werde gelingen, was dem Blech des "Brüder zur Sonne" mißglückt war. Sie übertragen das Heimweh nach einer so hoffnungsvollen und unschuldigen Zeit auf den Zuschauer - und mit ihm das Wissen, daß es diese Zeit nie gab.

Wer fragt da noch nach Logik? Daß Mandel ein Betrüger ist und, weil ihm Haftverschonung versprochen wird, bereit, gegen seinen einstigen Komplizen auszusagen, wozu ihn Schimanski aus einem Lütticher Gefängnis nach Düsseldorf schleppen soll, ist Nebensache. Spannungsträchtig natürlich, mit einer Killerbande, Verfolgungsjagd und Showdown. Das wirklich Spannende aber ist, daß all dies Spiegel sind, die Spiegel spiegeln, in denen sich irgendwann einmal das Leben betrachtete.

Noch nicht ganz lapidar, aber auf bestem Wege, zitieren die neuen Schimanski-Folgen ihre Ahnen: Bogart blieb stumm, Mandel, wenn er im Krankenhaus vor seiner bewußtlosen Tochter steht, stammelt. Vier Jahre habe er sie nicht gesehen, krächzt er Schimanski zu, und: "So schön ist sie geworden, so schön." Am liebsten möchte man mitheulen, wie als Kind über den toten "Fallada". Denn "Blutsbrüder" ist ein Märchenfilm, so wie "Pulp Fiction" verfilmter Comic war. Die Frage, was daran kindisch und was erwachsen ist, ist so alt wie Märchen und Comic.

bat.

© Frankfurter Allgemeine Zeitung


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