| Frankfurter Allgemeine (FAZ) vom 21.4.2007
Mit der Weisheit des Altmeisters Götz George lässt sich nicht düpieren: „Schimanski – Tod in der Siedlung“ „Schieb’ ab, du Pfeife!“ und „Schimanski, halt die Schnauze!“: Die ehemaligen Kollegen gehen nicht pfleglich um mit „Schimmi“. Er steht ihnen halt im Wege, er stört ihre Kreise. Der junge Hunger probiert einmal mehr mit forscher Respektlosigkeit den Vatermord, und „Hänschen“, dieses ruppige Fossil aus den Niederlanden, will sich seinen Altersitz von Horst Schimanski nicht streitig machen lassen. Doch den ficht das nicht an. Sollen sie ihn herumschubsen, ihn ins Abseits stellen wollen: Er weiß sich schon zu wehren – und dies zu aller Überraschung mit der stoischen Ruhe des weisen Altmeisters, der kein Choleriker, kein unbeherrschter Haudrauf mehr ist. Er überrascht seine Umgebung mit Gelassenheit, mit Freundlichkeit und Zurückhaltung. Seine neuen Stärken düpieren Hunger & Co: Kaum haben sie sich einlullen lassen, hat „Schimmi“ auch schon wieder die Fäden in der Hand. Schimanski ist wieder zu Haus – in „seinem“ grauen, düsteren Duisburg, in seinem Kiez: Ruhrpott-Plattenbau, sozialer Brennpunkt mit Absteigern und Verlierern, ein Zentrum der Niederlagen. Hier lebt die Familie Krawe: Die vierzehnjährige Lena (Liv Lisa Fries zwischen aufgezwungener Frühreife und kindlicher Naivität) geht auf den Strich, ihr Bruder Kevin (Ludwig Trepte mit den trotzigen Gebärden eines Jungen, der schon Mann spielen muss) versucht, seine Schwester zu schützen. Die Mutter der beiden wird in der Psychiatrie behandelt, ihr Ehemann Martin (Matthais Brandt mit gespenstischer Entrücktheit) sucht sein Glück beim Zocken und wird wegen seiner Sucht von seinen Kindern mit den Handschellen an den Heizkörper gekettet. Da ist die junge Mutter Alice Keller (Katharina Schüttler mit stiller Verzweiflung), die von der Brücke springen will, ihr Freund Ringo (Ronald Zehrfeld als Asphaltcowboy mit weichem Kern) und die Ärztin Karla Zimmermann (Julia Jäger mit einer brillanten Charakterstudie), die selbst von hier stammt, den Menschen mit Hingabe hilft, aber gleichzeitig den Ausstieg aus diesem Quartier und den persönlichen Aufstieg plant. Sie ist die Frau von Matthias Zimmermann, der umgebracht wurde. Er war Mitarbeiter der örtlichen Arbeitsagentur, hat sich um die Menschen vor Ort gekümmert. Angesehen, gar beliebt war er deswegen noch lange nicht – vor allem Frauen lehnten ihn ab und hatten dafür wohl auch ihren Grund. „Schimmi“ ist nicht mehr der übertourige Krisenmanager, nicht mehr der aufgedrehte Allrounder, der zugleich den Ankläger, den Verteidiger, den Richter und den Ermittler gibt. „Schimmi“ ist zum Streetworker geworden, der hart, aber ausgleichend, zornig, aber maßvoll seinen Job versieht. Die Drehbuchautoren Horst Vocks und Lars Böhme, Regisseur Thorsten C. Fischer und Götz George haben Schimanski nicht neu erfunden, nicht umerzogen; sie haben ihn in angemessener Form reifen lassen. Er ist eben Ende sechzig. Er spurtet nicht mehr, er trabt, er nimmt nicht mehr zwei Stufen auf einmal, er braucht seine Pausen – nicht nur körperlich, sondern auch mental. Aber er ist sich treu geblieben – auch bei den Essgewohnheiten. In seinem ersten Tatort „Duisburg-Ruhrort“, es ist sechsundzwanzig Jahre her, trank der Revier-Kommissar Eier aus dem Glas, hier tut er's wieder: Warum erst die Pfanne spülen, wenn die Eier auch roh schmecken. Was aber hätte Thanner dazu gesagt? Hans-Heinrich Obuch © Frankfurter Allgemeine Zeitung [ Homepage ] |