| Frankfurter Allgemeine (FAZ) vom 25.6.2005
Der Vaterbrudermann In jedem Single stecken zwei: „Schimanski – Sünde“ Müßte man Filme verdauen, bräuchte man nach dem hier einen Schnaps. Ein gewisses Völlegefühl stellt sich nämlich ein, wenn aber auch alles auf dem Teller war. Religiöser Fanatismus der Familie trieb die Frau des vermeintlichen Täters in den seriellen Ehebruch. Spießige Romantik wiederum treibt die Freundin des Polizisten in den abgebrochenen Seitensprung. Also fährt der Polizist, verliebt, der Freundin hinterher. Also lief der Ehemann, hörig, der Frau hinterher. Beides endet in Unfällen, Mord, einem Gefängnisausbruch, Strafvereitelung im Nicht-Amt, Verfolgungsjagden sowie der Entführung eines Schwererziehbaren in Tateinheit mit Körperverletzung. Dazwischen sehen wir noch einen Staatsanwalt, der etwas mit dem Opfer hatte und einen skrupellosen Lokaljournalisten, der auch etwas mit dem Opfer hatte und außerdem halbverrückt ist, aber vorher noch Geschäfte mit dem Polizisten machen will, nebst einem Priester, der mit dem Opfer vermutlich nichts hatte, aber dem im Beichtstuhl die Ohren geklungen haben sollen ob all der Promiskuität, samt der ebenfalls halbverrückten Großmutter des Schwererziehbaren, dem Ex-Assistenten des Ex-Polizisten, der mit der Fast-Ex-Geliebten seines Ex-Chefs, die er mit chinesischen Sprichworten umgarnt, fast eine Affäre hat, und einen völlig pensionierten Professor für Germanistik, der in einem Waldhaus in der Eifel wohnt – und vor dem wir uns einen Hut aufsetzen, damit wir ihn abnehmen können, weil den Professor nämlich der große Hermann Lause spielt, der Ende März, drei Monate nach Drehschluß, gestorben ist. Das Ganze aber ist ein „Schimanski“ und hat darum auch dann Anspruch auf Beachtung, wenn der Plot so ist, wie er ist: wie ein Nudelkartoffelreisgericht mit Fisch, Schnitzel und Entenbrust in einer Senftomatendillsoße. Oder, gattungspoetisch formuliert: ein christliches Ehebruchstrauerspiel – mit Vatersohnkonflikten als Justizirrtumsdrama, Bildungsroman und Campingkomödie. Götz George spielt darin einen Schimanski, der es nicht mehr mit dem Draufhauen hat – aber erfreulicherweise immer noch mit dem Autoszerstören –, sondern eigentlich nur will, daß die Familienverhältnisse wieder in Ordnung kommen, die eigenen und die der anderen. „Er kapiert mich nicht“, klagt seine Geliebte (Denise Virieux) und berührt damit einen wichtigen Punkt: daß für Schimanski einzelne Menschen sowieso unverständlich sind, weil man eigentlich mindestens zwei braucht, um in Menschendingen etwas zu verstehen. So etwas wie Individuen gibt es hier nicht, es gibt nur die Gesellschaft und Familien. Schimanski, der noch jede Beziehung, sei es zu Chefs, Freundinnen oder Mitkommissaren, einem Grenzbelastungstest unterzogen hat, ermittelt als bewaffneter Therapeut ohne Lizenz zum Heilen. Er, der keine Eltern und keine Geschwister, keine Gemahlin und keine Kinder hat, zeigt sich als Vaterbrudermann, wendet also jeder anderen Figur des Dramas das Gesicht eines Familienmitglieds zu. Besonders durch das Zusammenspiel mit dem Schwererziehbaren (überzeugend: Sergej Moya) wird das trotz all der Motivübersättigung des Krimis als sein Zentrum deutlich. Zuletzt schauen Polizist, Vater und Sohn dem Täter dabei zu, wie sich seine Persönlichkeit spaltet. Es handelt sich bei diesem Film um den teils angestrengten, teils unfreiwillig komischen, teils aber einfach nur humanen Versuch, die Absurdität des Wortes „Single“ zu demonstrieren. „Auf Wiedersehn!“ sagt eine Figur, um Schimanski barsch die Tür zu weisen – „Versprochen“, versetzt Schimanski. Nach einem Schnaps sind auch wir so weit, ihn unbedingt beim Wort nehmen zu wollen. JÜRGEN KAUBE © Frankfurter Allgemeine Zeitung [ Homepage ] |