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Frankfurter Allgemeine (FAZ)
vom 8.11.1997
Vor der Tür ein kurzes Zögern Die Wiederkehr des gleichen: "Schimanski" (ARD) Er ist lange fort gewesen. Nicht so lange, daß er Frauen nicht mehr küssen würde wie ausgehungert. Auch nicht so lange, daß er vergessen hätte, wie sehr ihm getrocknetes Blut im Mundwinkel steht. Und daß man sich ab und zu in den Schritt greifen soll, damit man als ganzer Kerl durchgeht. Vor allem damit man einen anderen Kerl, dessen Tochter im Koma liegt, ganz unverschämt in den Arm nehmen und ihm sotto voce sagen kann: "Tut mir unendlich leid." Nein, trotz mehrjähriger Abwesenheit hat Horst Schimanski nichts verlernt. Noch immer hat er, das zeigt er gerne - auch da hat sich gar nichts geändert -, Haare auf der Brust, aber ein ziemlich empfindsames Herz darunter. So einzigartig viril-weich ist er, daß man bisweilen vergißt, daß es sich ja nur um eine Kunstfigur handelt, die sich zwischen 1981 und 1991 in neunundzwanzig Folgen des "Tatorts" und zwei Kinofilmen sehen ließ, bis sie, wie Götz George damals meinte, "zur Sesamstraßenfigur nivelliert" war. Nun hat der WDR Schimanski für zunächst sechs neue Filme zurückgeholt. Bei der Premierenfeier vor einer Woche sagte George: "Mir hat die Figur gefehlt, nun habe ich sie mir gegönnt." Was Schimanskis Auferstehung aber bedeute, darüber war man sich in der stillgelegten Gebläsehalle im Landschaftspark Duisburg-Nord nicht einig. George mahnte zwar: "Das schlimmste wäre, die Figur überzubelasten." Da hatte WDR-Fernsehspielchef Gunther Witte aber schon zu Protokoll gegeben: "Unsere Gesellschaft geht schweren, harten Zeiten entgegen, in denen gerade Kämpfer für Menschlichkeit und Gerechtigkeit um so mehr gebraucht werden." Der Filmpublizist Georg Seeßlen hatte in den achtziger Jahren gemutmaßt, Schimanski sei der "Held der Kohl-Ära", der vorführe, "wie es ist, ohne Utopie zu leben, nur mit einem gewissen Grad an Unbestechlichkeit" - nur daß Seeßlen wohl nicht ahnte, daß die Ära 1997 noch nicht zu Ende sein würde. So vernimmt, wer mag, in der Rückkehr des Weltschmerz-Bullen auch einen politischen Unterton. Mit Schimanski kam die proletarische Wende der Achtundsechziger im deutschen Fernsehkrimi an. Er verkörperte den "Malocher" (George über sich selbst) als revoltierendes Subjekt. Mit dem von Eberhard Feik gespielten Christian Thanner war ihm sogar ein bürgerlicher Kollege zur Seite gestellt, was die Allianz der Klassen als prekäres, aber machbares Projekt erscheinen ließ. Man muß Hajo Gies, der die Figur einst miterfand und ein zurückhaltender Mensch ist, nur gegenübersitzen, und schon drängt sich die Frage auf: Ob Schimanski nicht auch eine Projektion seiner Sehnsucht nach Rebellion sei. Ja, nickt der Regisseur. Für ihn wie für seine Zuschauer suchte Schimanski die Konfrontation mit allem, was nach Grenze, Beschränkung, Vorschrift aussah, unterlag häufig, stand aber immer wieder auf: lernunfähig, arretiert im Überschwang, aber - im Dienst an einer guten Sache. Er wird das Prinzip des Dagegen auch verkörpern, falls Gerhard Schröder ins Kanzleramt einziehen sollte. Gefragt, wie sich denn der neue vom alten Schimanski unterscheide, fällt Gies nur ein: "Er überlegt es sich ein bißchen länger, bevor er eine Tür eintritt." Eigentlich aber sei Schimanski sich treu geblieben. Gut, der vom Dienst suspendierte Duisburger Ermittler lebt inzwischen auf einem Hausboot in Lüttich und läßt sich von einer unterkühlt verführerischen Staatsanwältin (Geno Lechner) anheuern, wenn er einen neuen Dieselmotor für seinen Kahn braucht. Und an der Stelle von Thanner, dessen Darsteller 1994 starb, wird er häufiger mit dem jungen Schrader (selbstbewußt: Steffen Wink) zusammenarbeiten. Ansonsten aber klingen die Geschichten angenehm vertraut: Schimanski ermittelt gegen Polizisten, die das Gesetz in die eigenen mörderischen Hände nehmen, findet sich bei der Überführung eines Kriminellen von Auftragsmördern verfolgt, gerät auf der Jagd nach einem Terroristen mit zwielichtigen BKA-Kollegen aneinander. Auch daß die ersten drei Filme recht unterschiedlich ausgefallen sind, überrascht nicht; Joseph Rusnak hat mit "Die Schwadron" einen erstaunlich selbstironischen Auftaktfilm inszeniert, Hajo Gies sich in "Blutsbrüder" ein mal amüsantes, mal sentimentales road movie gegönnt, das abstruse Buch von "Hart am Limit" aber nicht retten können. Umberto Eco hat über die Serie in der Kunst festgehalten, sie verschaffe Genuß gerade durch die Wiederholung: "Die Serie erfüllt unser infantiles Bedürfnis, die gleiche Geschichte immer wieder zu hören, getröstet zu werden durch die ,Wiederkehr des Identischen', das nur oberflächlich verkleidet ist." Genauso funktioniert auch "Schimanski", die nun aus der "Tatort"-Reihe ausgegliederte Serie. Bei aller Wiederkehr aber treten bei Schimanski jetzt auch manche Konturen deutlicher hervor. Wo früher Thanners Resignation die realistische Lebenserwartung des deutschen Mannes verkörperte, war Schimanski dessen Traum: Jenseits der Vierzig und trotzdem noch mit Aussicht auf Erfolg mit der Kellnerin schäkern. Jetzt ist aus Schimanski der Beschützer junger Mädchenblüte geworden: Er schirmt die uneheliche Tochter des toten Kollegen, die Tochter eines Kriminellen mit dem goldenen Herz, eine junge Terroristin, die sehr verliebt ist - nur leider nicht in ihn. "Where have you been, where are you going to?" läßt Gies Chris Rea singen, ohne daß Schimanski eine Antwort wüßte. So wird der Loner und Loser als Kinder- und Heimatloser erkennbar, der auch nach Duisburg nicht mehr recht gehört: Die Folge "Muttertag", die 1998 ausgestrahlt wird, verschickt ihn nach Kroatien. Auch wenn solche Entwurzelung recht gut in die Zeit paßt, melden sich doch gelegentlich leise Zweifel, ob Schimanski wirklich ein Mann für die neunziger Jahre ist. Einen Festgenommenen fragt er: "Willst du vorher mit deinem Rechtsanwalt telefonieren? Ich kann dir gerne zwanzig Pfennig leihen." Und das, wo doch jeder weiß, daß die Telekom die Groschentelefone derart verknappt hat, daß selbst der ungeschickteste Kriminelle heute nicht mehr ohne Telefonkarte aus dem Haus geht. Er ist lange fort gewesen. BERTRAM EISENHAUER © Frankfurter Allgemeine Zeitung [ Homepage ] |