 Schimi und das Image
Eine positive Identitätsfigur?
 (RP). An einem Juni-Sonntag im Jahr 1981
versammelten sich die Duisburger um 20.15 Uhr vor ihren
Fernsehschirmen, gespannt darauf, den ersten Tatort zu sehen, der in
ihrer Stadt spielte. In der Hauptrolle Götz George, ein schon damals
durchaus angesehener Schauspieler, als Handlungsrahmen - die schöne
Stadt Duisburg mit dem größten Binnenhafen der Welt. Und was Essen
der Kommissar Haferkamp, sollte fortan Schimi für Duisburg sein:
eine positive Identitätsfigur. Es kam ganz anders!
Anderntags wusste die gesamte Nation, was Duisburg auszeichnet:
Gefluche, Sauferei, Prügelei, Dreckecken, qualmende Schlote,
schummrige Kneipen, billige Imbissbuden und knösige Bordelle,
verdreckte Straßen, verkommene Wohnungen, Penner, Kriminelle und
eine Polizei, die Recht und Gesetz nach Gutdünken auslegt. Wäre Götz
George an diesem Tag durch Duisburg gelaufen, wer weiß, vielleicht
wäre er der erste gewesen, der in dieser Stadt geteert und gefedert
wurde.
Die Wirtschaftsförderer heulten auf, absolut sicher, dass
Investoren nun der Stadt den Rücken kehren werden. Die
Kommunalpolitiker setzten sich in Sitzungen ernsthaft mit der Frage
auseinander, welcher Schaden für Duisburg durch Schimanski
angerichtet wird. Die Polizei versuchte durch Sachlichkeit dem Bild
entgegenzuwirken, dass ihr Präsidium eine Höhle korrupter
Gesetzesübertreter ist. Bürger schrien danach, diesen
Schmuddelkommissar sofort in die Wüste zu schicken, riefen gar zum
Boykott der jugendverderbenden und Duisburg beschmutzenden
Fernsehsendung auf.
Doch Schimi blieb, prügelte und soff weiter, rief auch künftig
jede zweite Sendeminute "Scheiße!", trieb sich nach wie vor in den
abgelegensten, dunkelsten und miesesten Ecken der Stadt herum und -
wurde in und außerhalb der Stadt immer beliebter. Seine
schmuddelige, graue Allzweck-Jacke wurde zum Markenartikel, der
raufboldige Kommissar mit dem weichen Herz zu einer Kultfigur und
die Tatortreihen mit ihm in der Hauptrolle zu Quotengaranten.
Die Duisburger schalteten sonntags ein, um sich gleichermaßen zu
amüsieren und zu ärgern: weil sie Götz George und "ihren Kommissar"
einfach toll fanden, oder weil sie sich über den Rüpel aufregen
wollten. Nur großartig darüber geredet wurde nicht mehr. Man
gewöhnte sich an das schräge Duisburg-Bild, dass in den Sendungen
vermittelt wurde, und auch an die Reaktionen von Ortsfremden, wenn
sie denn sagten: "Ach, Sie kommen aus Duisburg? Kenne ich, da wohnt
doch der Schimanski!".
Dass auch nur ein einziger Investor nachweislich Duisburg den
Rücken kehrte, weil er sich vor der Schimi-Stadt fürchtete, ist
nicht verbürgt. Dass Schimi den Namen Duisburg bekannt gemacht hat,
ist sicher. Dass Schimi den städtischen Imagewerbern die Arbeit
erschwert hat, außerhalb ein realistisches Stadtbild zu vermitteln,
ebenso. Doch dazu haben auch andere beigetragen, wie Krupp, und
Thyssen, wie Smog-Alarm und Bergbaukrise.
Von HILDEGARD CHUDOBBA
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