Neue Osnabrücker Zeitung vom 12.4.2007

„Altwerden ist nichts für Feiglinge“

TV-Legende Schimanski feiert mit Verspätung 25-jähriges Jubiläum und schlürft noch einmal rohe Eier

Von Joachim Schmitz

Duisburg. Hans-Peter Schneider ist so etwas wie Schimanskis ältester Kollege. Als Götz George 1981 zum ersten Mal nach Duisburg kommt, um den Ruhrpott-Kommissar zu spielen, brauchen die Pressefotografen ein Motiv mit Lokalkolorit: Kurzerhand stoppen sie den nächsten Streifenwagen, bitten den Polizisten hinterm Steuer, sich doch mal kurz mit Schimanski aufzustellen, und drücken auf den Auslöser. Das Bild geht bundesweit durch die Presse und macht den jungen Polizisten für kurze Zeit zu Duisburgs bekanntestem Beamten.

Die „Fortbildungsfahrt durch den Stadtteil Ruhrort“ habe er bis heute nicht vergessen, sagt Schneider. Und das später von Götz George signierte Bild hat er dabei, als der Mime jetzt wieder nach Duisburg kommt, um mit einiger Verspätung auf „25 Jahre Schimanski“ anzustoßen und bei dieser Gelegenheit die jüngste Folge vorzustellen. Zwar ist in den Augen von Hans-Peter Schneider der „Hype um Schimanski auch in Duisburg deutlich verflacht“, doch der Mythos wirkt immer noch: „Selbst auf Sardinien werde ich mit ,Schimanski‘ angesprochen, wenn ich erzähle, dass ich Kommissar bin und aus Duisburg komme.“

Auch Harald Schrapers hat eine eigene Schimi-Geschichte: Anfang der neunziger Jahre ist er für die Juso-Hochschulgruppe in Duisburg aktiv. Und fordert öffentlich, die damals noch eigenständige Uni der Stadt nicht – wie geplant – in Gerhard-Mercator-Universität, sondern in Horst-Schimanski-Universität umzubenennen. Das soziale Engagement des Kommissars müsse gewürdigt werden, argumentiert er.

„Das war eigentlich nie wirklich ernst gemeint“, schmunzelt Schrapers heute. Und freut sich immer noch, „dass wir es tatsächlich geschafft haben, die Umbenennung immerhin um ein ganzes Jahr zu verzögern“. Seit Jahren betreibt er im Internet die wunderbare Homepage www.horstschimanski.info.

Götz George hat er bis heute nicht persönlich kennengelernt, dem Schimanski gegenüber sieht er sich aber schon lange „als völlig kritikunfähig“. Schrapers findet alle Filme „super“, aber er ärgert sich „über die Szenen, die in Köln gedreht sind“ und dem Zuschauer Duisburg vorgaukeln sollen.

Da hat er Recht. Der neue Schimanski „Tod in der Siedlung“ spielt überwiegend in einer Hochhaussiedlung, die bei Köln steht. Eine Straßenbahn fährt unübersehbar zur Kölner Endstation „Thielenbruch“, auch andere Plätze entscheidender Szenen werden die Duisburger vergeblich in ihrer Stadt suchen. Für Harald Schrapers kein neues Ärgernis: „Davor wurde alles in München gedreht, da waren selbst die Schrottplätze nicht in Duisburg zu finden.“

Zähneknirschend macht Regisseur Thorsten C. Fischer den Kostendruck für solche Ärgernisse verantwortlich: „Wir sind eben nicht Hollywood.“ Als Mann des Ruhrgebiets – Fischer stammt aus Marl – habe er darum kämpfen müssen, „dass wir wenigstens zwei Drehtage in Duisburg bekommen.“ Er kann kaum glauben, dass der erste Osnabrücker „Tatort“ tatsächlich komplett in Osnabrück gedreht wurde.

Und Schimanski? Ist wie immer rechtzeitig zur Stelle: Er kommt, bevor der Regen kommt. In großer Pose lässt sich Götz George zur Jubiläumsfeier auf einem Polizeiboot durch den Hafen Duisburg-Ruhrort schippern, hinter sich ein Fontänen sprühendes Feuerwehrschiff. Dutzende Fotografen und Kamerateams erwarten ihn, nur die fast komplett in Schwarz gekleidete WDR-Delegation unter Fernsehdirektor Ulrich Deppendorf erweckt ein wenig den Eindruck, als sei sie auf dem Weg zu einer Seebestattung. Immerhin: Die warmen Worte zur Begrüßung des vertrauten Helden überzeugen vom Gegenteil.

Gefeiert wird in der „Schifferbörse“. Das ist zwar feinste Adresse in Duisburg, aber da es um Schimanski geht, prägen Currywurst, Rollmöpse, Frikadellen und Blutwurst in Sesamkruste das Buffet. George blickt zurück an die Anfänge: „Damals war es wirklich eine Auszeichnung, einen Kommissar zu spielen. Heute ist ja jeder Zweite ein Fernsehkommissar. Das ist ja fürchterlich.“

Am Ende des neuen Films schlürft Schimanski zwei rohe Eier – ein augenzwinkernder Gruß an die erste Folge „Duisburg-Ruhrort“. Doch ansonsten ist der Schimanski 2007 ein anderer als der von 1981. Statt Bier trinkt er – wenn auch schweren Herzens – Kaffee oder Tee. Er verprügelt niemanden mehr, sondern wird verprügelt. Er muss sich als „Pfeife“ und „Sozialromantiker“ beschimpfen lassen. Und er tritt keine Türen mehr ein, sondern droht nur noch damit. Der alte Wolf beißt nicht mehr, er knurrt nur noch böse. Und zieht immer noch die Sympathien auf sich.

Die Rente mit 67 hat Götz George längst verpasst, im nächsten Jahr wird der Mime 70. Doch vor dem Ende steht für ihn das Weitermachen: „So lange, wie ich nicht nachdenken muss, wenn Sie mich nach meinem Namen fragen.“

Seinem „ältesten Kollegen“ gefällt er besser denn je. Auf die Fäkalausdrücke früher Episoden habe er schon immer verzichten können, sagt Hans-Peter Schneider. „Altwerden ist nichts für Feiglinge“ zitiert der Duisburger Hauptkommissar den gereiften Schimanski. „Und ein Feigling ist er wirklich nicht.“

© Neue Osnabrücker Zeitung


[ Homepage ]