Ein Land wie seine Kommissare
Tatort NRW: Der Abschied vom Malocher-Mythos vollzieht sich via Münster - das ist beinah baden-württembergisch
VON MARKUS BRAUCK

Franz Müntefering, mit seinem roten Schal, ist vielleicht ganz einfach
der falsche Typ, um noch einmal auf Klassenkampf zu machen. Zu viel
Sauerland. Zu wenig Ruhrpott. Einfach kein proletarischer Held. Man
müsste sich den Mann nur einmal als Tatort-Kommissar vorstellen. Da
wäre er ganz brauchbar für Brilon und Meschede, wo die Fichten mehr und
die Menschen weniger werden, so als knarziger Ermittler, der bei
Friedrich Merz im Wohnzimmer auftaucht und scharfe Fragen stellt. Aber
als Ikone des Landes, als Verkörperung des Reviers? Da gab es und gibt
es nur einen Standard. Schon in der Kleiderfrage. Von wegen blauer
Anzug und roter Schal. Blue Jeans und Armeeparka. Currywurst und Pommes
Rot-Weiß. Der Mann, der als Fernsehkommissar in Duisburg ermittelte und
fluchte, war so sehr Verkörperung der Arbeiterwut, dass die FAZ
zu seinem - vorübergehenden - Abgang im Jahr 1991 schrieb: "Fast
zeitgleich mit der Sowjetunion hat uns in Horst Schimanski der letzte
proletarische Held verlassen." Solch ein Lob muss sich Franz
Müntefering erst noch verdienen.
Nordrhein-Westfalen. Was für
ein riesiges, kurioses Bundesland. Karnevalhochburg, Arbeiterbastion.
In weiten Teilen knatschkatholisch. Und jetzt auch noch: letzte
Zuflucht für das Projekt Rot-Grün. Ausgerechnet Nordrhein-Westfalen
muss jetzt zeigen, dass es immer noch das Fleckchen Erde ist, wo sich
die vielen Kleinen gegen die wenigen Großen zu behaupten wissen. Links,
irgendwie. Ein Land jedenfalls, dessen Tatort-Kommissare sich oft auch
wie Robin Hood fühlen. Die schon auf 1000 Meter riechen, wenn der Fisch
vom Kopf her stinkt, was er meistens tut. Kommissare, die muffelig
ihrem Beruf nachgehen, weil sie die ganz große Schweinerei, die sie
überall argwöhnen, doch nie zu fassen bekommen. Der Prototyp dieses
Polizisten musste in Nordrhein-Westfalen entstehen. Ruppig und
unbestechlich. Mit sich selbst in Unordnung, weil die Welt da draußen
ja auch nicht in Ordnung ist. Horst Schimanski war die Inkarnation
dieses rächenden Gottes der kleinen Leute. Max Ballauf und Freddy
Schenk, das aktuelle Kölner Tatort-Team, sind die behutsame
Fortentwicklung dieses Prinzips. Der eine hat kein Zuhause. Der andere
geht nie nach Hause. Ihre Lieblingssätze heißen: "Das ist Scheiße."
oder "Das ist ganz große Scheiße." Und schlimmer als die Verbrecher
sind nur noch die Vorgesetzten. Das BKA. Diejenigen, die in den Büros
hocken und sich die Finger nicht schmutzig machen. Die über
Dienstvorschriften nachdenken, die zu brechen den Helden erst ausmacht.
Siehe Schimanski.
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Tatorte in Nordrhein-Westfalen |
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1971 bis 1973 Zollfahnder Kressin (Sieghart Rupp): sieben Einsätze; Einsatzort: Köln.
1974 bis 1980 Kommissar Heinz Haferkamp (Hansjörg Felmy): 20 Einsätze; Einsatzort: Essen.
1980 Kommissar Willy Kreutzer (Willy Semmelrogge): ein Einsatz; Einsatzort: Essen.
1980 Kommissar Paul Enders (Jörg Hube): ein Einsatz; Einsatzort: Essen.
1981
bis 1991 Kommissare Horst Schimanski (Götz George) und Christian
Thanner (Eberhard Feik): 29 Einsätze; Einsatzort: Duisburg.
1992 bis 1997 Hauptkommissar Bernd Flemming (Martin Lüttge): 15 Einsätze; Einsatzort: Düsseldorf.
Seit 1997: Hauptkommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär): 31 Einsätze; Einsatzort: Köln.
Seit
2002: Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und Rechtsmediziner Prof.
Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers): sieben Einsätze; Einsatzort:
Münster. mab |
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Immer dieser Ekel vor dem Establishment. Das ist selbstredend zu einem
großen Teil auch dem Genre geschuldet. Aber eben nicht nur. Schon der
erste Tatort-Ermittler aus Nordrhein-Westfalen, Zollfahnder Kressin,
hielt sich nicht lange bei Dienstvorschriften auf und war ein, wenn's
erlaubt ist, begnadeter Macho. Was in den 70ern ja noch als Ausweis
antibürgerlicher Gesinnung galt. Sieghart Rupp spielte einen
Pseudo-James-Bond mit allerlei Bettgeschichten. Die Rolle teilte die
Fernsehnation. Kressin-Erfinder Wolfgang Menge fand allerdings die
Besetzung unmöglich: "Jeder Autor hat beim Schreiben eine konkrete
Vorstellung von der Figur, die er erfindet. Rupp als Kressin - das ist,
als ob man die Rolle für Kirk Douglas schreibt, und hinterher spielt
sie Peter Alexander." Vielleicht aber ist Nordrhein-Westfalen auch
nicht das richtige Pflaster für Kirk Douglas.
Nordrhein-Westfalen,
das ist eher das Pflaster für durchgeknallte Karnevalsprinzen, die den
Schuss der Zeit nicht gehört haben und für die der Rosenmontag in
Düsseldorf der Gipfel der Genüsse bedeutet. So wie im 258. Tatort "Der
Mörder und der Prinz" mit Martin Lüttge als Kommissar Bernd Flemming.
Da wird so ausdauernd geschunkelt und geheuchelt, dass es einen friert
vor Gemütlichkeit. Am Ende bleiben als Bilder des Schreckens nicht die
Morde haften, sondern die jeden Nerv tötende Fröhlichkeit, die
Nordrhein-Westfalen auch bedeuten kann.
Nordrhein-Westfalen ist
eher das Pflaster für einen handfesten Streik in einem Stahlwerk. Für
die Romantik der Arbeitersolidarität, wie im 217. Tatort "Der Pott".
Ehrliche Häute in grauen Reihenhaussiedlungen. Fiese Anzugträger in den
Vorstandsetagen. Und dann auch noch das BKA mittendrin. Nur Schimanski
und sein vom Raubdezernat ausgeliehener Kollege Jo Wilms stehen auf der
Seite der Streikenden. Allerdings genauso hilflos und verzweifelt.
Darum begeht Wilms auch einen Mord an einem Verräter der guten Sache.
Doch das ist ja auch keine Lösung.
Alles zerbricht und am Ende hockt der Kommissar am Tresen und lässt sich vollaufen. Scheiß auf den Strukturwandel!
Der
Strukturwandel nämlich kommt in den Tatorten ganz anders vor als im
Wahlkampf. Vorsichtig gesagt: nicht ganz so positiv. Klinisch reine
Biotechnologie-Unternehmen und blitzblanke Fernsehstudios passen ja nun
auch nicht so ganz zu der Kumpel-und-Maloche-Moral, die Schimanski und
Kollegen auszeichnen. Die bei Schimanski schon ausgereift ist, als Bonn
noch Hauptstadt ist. "Besuch mich mal in Bonn", sagt sein Kollege
Thanner, der für kurze Zeit zur Bonner BKA-Außenstelle wechselt. "Kann
nicht. Hab' keine Krawatte", stänkert Schimanski zurück.
Nordrhein-Westfalen, das ist viel Wehmut und das sind viele enttäuschte
Träume, so wie im 589. Tatort "Schürfwunden". Dort steht paradoxerweise
ein Dorf, das für den Braunkohletagebau umgesiedelt werden muss, als
Symbol für den Strukturwandel. Das Leben ist zerstört, obwohl alle in
schönen neuen Häuschen wohnen. Sogar die Toten ziehen um. Doch so lange
es noch geht, trifft sich die Dorfclique in der alten Kneipe, torkelt
dann hinaus in menschenleere Straßen. Ein ziemlich unattraktiver
Kleinbürger wirft seine Frau für eine andere aus dem schönen neuen
Haus. Sie wohnt dann im Wohnwagen direkt vor der Haustür. Niemand ist
irgendwo mehr zu Hause.
Die
Welt von Wolfgang Clement, Peer Steinbrück und Jürgen Rüttgers, diese
Welt der Hochtechnologie-Arbeitsplätze, der Büros und Flachbildschirme,
die hat es bis in die Tatort-Mythologie noch nicht geschafft. Sie
scheint keinen Drehbuchschreiber zu irgendwas zu inspirieren.
Allerdings wirken Figuren wie Schimanski (der außerhalb der
Tatort-Reihe weiter läuft) und Max Ballauf nur noch wie wehmütige
Erinnerungen an früher. Als Arbeit noch Dreck bedeutete. Als Männer
noch Männer waren. Als vielleicht nicht alles besser war, aber
irgendwie spannender.
Lang ist es eben her, dass
Nordrhein-Westfalen Sitz der Bundesregierung war. Lang ist es her, dass
Zollfahnder Kressin in Tatort-Folge 25 "Tote Taube in der
Beethovenstraße" einem Detektiv aus New York auf die Füße tritt, der
ausgerechnet in Bonn die Zentrale einer internationalen Erpresserbande
aufgespürt hat. Weltumspannende Verbrechen vor Provinzkulisse. Das war
einmal.
Der Abschied vom Mythos vollzieht sich im Tatort aus NRW
über einen Umweg. Nicht in Köln, nicht im Ruhrpott, ja nicht einmal in
Düsseldorf siedelte der WDR vor ein paar Jahren sein neues Tatort-Team
an. Um von Bonn zu schweigen. Ausgerechnet in der bürgerlichen,
akademischen und verbeamteten, also beinahe baden-württembergischen
Stadt Münster ermitteln Kommissar Frank Thiel und Rechtsmediziner
Karl-Friedrich Boerne. Der eine stoisch, der andere eitel. Ernüchtert
vom Leben sind beide. Doch der Zorn auf die Ungerechtigkeiten dieser
Welt ist bei ihnen schon längst verraucht und hat sich in Ironie
aufgelöst.
Der rote Mythos und das rot-grüne Projekt wird nur
noch vom Vater des Kommissars vertreten, einem Alt-68er, der Taxi fährt
und nebenbei Hanf anbaut. Soziale Verwerfungen spielen in den Fällen
des Münsteraner Teams kaum eine Rolle mehr. Dafür um so mehr
inzestuöser Landadel und lesbische Bäuerinnen. Das einzige, was im
tiefschwarzen Münster an das rot-grüne Projekt erinnert, sind die
Horden von Fahrradfahrern. Sogar der Kommissar fährt Rad. Aber das ist
ja nicht mehr als ein Gag.
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Copyright © Frankfurter Rundschau online 2005
Dokument erstellt am 20.05.2005 um 15:56:28 Uhr
Erscheinungsdatum 21.05.2005
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