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22. April 2007

Kultur & Medien

Medien

Seine Leute
Er weiß, wer so was tut: Der neue "Schimanski", der eigentlich ein "Tatort" ist
"Schimanski: Tod in der Siedlung", ARD, So., 20.15 Uhr.
VON JUDITH VON STERNBURG

Dieser Schimanski hat mehr Ähnlichkeit mit einem Tatort als mancher Tatort mit oder ohne Schimanski. In einem halbverbrannten Wagen liegt ein toter Mitarbeiter der Bundesagentur für Arbeit, mit dem mehr als eine Person eine Rechnung offen hatte. Die Polizei sucht hier, sucht da, das gleichfalls im Dunkeln tappende Publikum immer auf Höhe der Ermittlungen im Schlepptau und durchaus herausgefordert, auf Kleinigkeiten zu achten.

Nur Schimanski sieht es aufgrund eines eigenartigen Ausschlussverfahrens sofort anders. Das Ausschlussverfahren heißt Sozialromantik. "Arme Leute sind gleich gute Leute, ne", murrt Kommissar Hunger (Julian Weigend) und ermittelt fleißig weiter bei den armen Leuten. Aber so viel ist sicher: Eine Frau, die ein schweres Leben hat und Hartz IV und ein kleines Kind und einen arbeitslosen Mann (grob, aber lieb) und zu Schimanski sagt: "Wollnsen Teller Linsen", kann im Grunde genommen nicht die Mörderin sein. Natürlich kann das hier nicht näher ausgeführt werden.

Dass die Linsensuppenköchin von Katharina Schüttler gespielt wird, erweist sich jedenfalls als Nachteil. Sie bleibt ganz Katharina Schüttler. Wie überhaupt die Titel-Siedlung als Kunstwelt erscheint, in der eine Menge großartige Schauspieler arme Leute spielen. Man glaubt es ihnen einfach nicht, obwohl sie Wut im Bauch äußern und dennoch ihr Bier an (den übrigens weitgehend abstinenten) Schimanski weiterreichen und ihren gruseligen Hund auf böse Schläger hetzen. Das tut man nämlich nicht, Leute verhauen, die auch hier wohnen (und wenn man zufällig hier vorbeikommt, auweia?). Dazu pufft der Industrieschornstein, und hinterm Haus fängt gleich der Bergbau oder etwas in der Art an. Duisburg ist gewiss eine besondere Stadt, aber Torsten C. Fischer (Regie) und Horst Vocks und Lars Böhme (Buch) führen sie bloß als aparte, aber unwirkliche Kulisse vor.

Schimanski ist der Einstecker

Schimanski, von dem großartigen Schauspieler Götz George gespielt, ist da ein anderes Kaliber. Er hat weiterhin seine Wiedererkennungsjacke und inzwischen offenbar in dieser Siedlung eine verschlampte Wohnung. Anders als Hunger und Hänschen (Chiem van Houweninge, wie schön, ihn wiederzusehen) versteht er die Leute hier, "meine Leute", sagt er und geht mal besser allein hierhin und dorthin Er ist weiterhin der große Einstecker - das war er immer mehr als ein Austeiler - und eine einschlägige Szene zeigt ihn mannhaft, aber machtlos allein gegen etwa fünf. Die Zeiten aber, in denen er Menschen duzte, die er nicht kannte, sind vorbei. Unter den vielen Personen, die hier vorkommen, ist auch eine Frau, die gerade an Krebs stirbt. Schimanski ist zart und freundlich zu ihr und lächelt und sagt genau das Richtige. Zum Beispiel: "Sie sehen toll aus heute." Man darf sagen, dass er auch toll aussieht. Nicht klug, schon lang nicht mehr jung, aber toll.

Dass Schimanski, seit er nicht mehr im Tatort mitspielt, auch kein Polizist mehr ist, spielte noch nie eine so geringfügige Rolle. Nach anfänglichem Widerstand der ehemaligen Kollegen übernimmt er alsbald die Ermittlungen und erläutert im Büro, wo es lang geht. Und das Ausmaß, in dem er alles besser weiß, schrafft dicht an die Kommissar-Ehrlicher-Marke heran. Und auch er räumt nicht etwa seine verrottete Küche auf, sondern schlägt sich zwei Eier ins Glas (Kommissar Ehrlicher hätte sich ein Bier zapfen lassen) und freut sich darüber, dass unten endlich wieder Marie Claire vorfährt.




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Copyright © FR online 2007
Dokument erstellt am 20.04.2007 um 17:29:59 Uhr
Erscheinungsdatum 21.04.2007


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